Ginny Gibson, das unbegreifbare Pferd

Unsere Ginny, das Herzenspferd, mein Goldstück aber auch The Devil, die Superzicke, das Mistviech, das zum Metzger gehört. Was habe ich mir schon alles vorne und hintenrum über mein ganz persönliches Herzenspferd anhören müssen.

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Teilweise musste ich den Leuten ja Recht geben. Ginny wird nie ein zuverlässiges Turnierpferd werden, ja, sie wird nicht mal ein zuverlässiges Zuhausereitpferd werden und für mich ist sie sowieso eigentlich nicht das Zukunftspferd. Ich sollte ja eigentlich einen haben, der 100% zuverlässig ist, nie bockt oder irgendwelche komischen Anfälle hat.

Was hat Ginny eigentlich, dass ich so an ihr hänge?

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Wenn sie in der Halle ist und zwischen lauter Dressurpferden läuft fällt sie eher unangenehm auf. Sie ist zwar süß, hat aber aufgrund ihres hohen Vollblutanteils, der staksigen Bewegungen, ihrer  wahnsinnigen Schiefe und dadurch, dass sie eben einfach nur langweilig  braun ist, nicht die Ausstrahlung, die die Dressurpferde um uns rum haben.

Es ist einfach eine nette kleine Maus. Also dann halt, wenn sie grade nicht zickt.  Wenn man Ginny antrabt, dann macht man das am langen Zügel, weil sie sonst nicht antrabt. Sie läuft dann los wie ein Esel, das macht sie auch auf dem Turnier. Kopf hoch und die Sreichholzbeinchen in Bewegung bringen. Ab und zu mal stehen bleiben, alternativ auch mal vorne oder hinten hoch und mir steht dann immer schon das Grinsen im Gesicht. Die Blicke, wenn man so für eine L-Dressur abreitet sind wirklich göttlich. Ich weiß ja, dass sie eben ihre eigene Art hat sich einzulaufen und ich gönne ihr das. Anfangs sieht Ginny nicht so aus, als könne sie überhaupt durchs Genick gehen, so sehr verdreht und verrenkt sie ihren Hals. Gut, dass ich es besser weiß. Wenn sie erst mal den Gang drin hat, hat sie keinerlei Anlehnungsprobleme, ja, Ginny würde nie im Leben gegen die Reiterhand gehen. Wenn, dann nur gegen das Bein und das kann ich eben teilweise umgehen, indem ich sie warmlaufen lasse, wie sie will. Wenn man das begriffen und akzeptiert hat, dann kann man sie haben. Wenn man das nicht akzeptieren kann, dann kann man auch gleich wieder absteigen oder wird alternativ von ihr abgestiegen.

Was Ginny ausmacht ist ihr Charakter. Das kann keiner verstehen der sie nur von weitem sieht. Das kann man nur verstehen, wenn man mit ihr umgeht. Ginny ist im Umgang das sensibelste, liebevollste, verschmusteste und anhänglichste Pferde, das ich je kennengelernt habe und damit hat sie mich schon immer um den Finger gewickelt. Und die ganze lange Zeit des Hoffen und Bangens um sie und die Frage, ob dieses junge Pferde überhaupt eine Überlebenschance hat, die hat uns irgendwie untrennbar zusammengeschweißt. Genauso wie die darauffolgende Zeit des Wiederaufbaus und der kleinen, aber sich häufenden Erfolge, die für uns so viel wert sind.

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Ginny ist auch heute noch keine, auf die man draufsitzt und einen Plan hat. Ginny ist nicht planbar. Man einigt sich jeden Tag mit ihr auf das, was sie zu geben bereit ist, fordert sie schon, das will sie auch, aber überfordert sie nie.

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Letztens ist mir was dummes passiert. Ginny macht gerne mal Späße, wenn man mit dem Halfter kommt. Sie schnappt und beißt danach und gebärdet sich wie ein wilder Tiger. Das ist alles gar nicht schlimm, aber genau an dem Tag habe ich gerade in dem Moment eine hektische Handbewegung gemacht und sie voll auf der Nase erwischt. Nicht absichtlich, aber das hat kurz geklatscht. Ich bin selbst zu Tode erschrocken, Ginny war eine Woche lang mit mir tödlich beleidigt, weil ich sie „geschlagen“ habe. Sie konnte das ja nicht verknüpfen, dass sie mir einfach dumm in die Hand gelaufen ist und ich sie gar nicht schlagen wollte. Aber da war sie entsetzt. Ich habe eine Woche lang gebraucht, bis ich in ihrer Nähe wieder die Hand heben durfte. Ja, so ist sie. Hypersensibel aber eben doch ein Goldstück.

Aber eben nur UNSER Goldstück, weil wir sie so nehmen wie sie ist. Würden wir  Calle oder Paul hergeben, würden die beiden den jeweils neuen Besitzer schnell um den Finger wickeln, aber die beiden sind ja eigentlich auch einfach. Die kennen ihren Job, die machen ihn in der Regel auch. Bei Ginny weiß ich nicht, ob sie bei neuen Besitzern, die nicht das mit ihr mitgemacht haben wie ich, diesen Status erreichen könnte, den sie bei mir hat. Die „neuen“ würden reiten wollen, würden merken, dass das nicht auf Kommando geht und ich glaube, sie wäre eine von den Pferden, die ständig den Stall, den Bereiter und den Besitzer wechseln würde, weil sie einfach nicht zuverlässig mitarbeitet. Das ist für mich unvorstellbar und deshalb wird sie wohl als Muttireitpferd bei mir alt werden.

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Aber auch Nina kennt ihre Eigenheiten. Und heute war Springtag und Nina hatte sich vorgenommen alle drei zu springen, auch Ginny. Ginny springen ist immer so eine Sache. Mal springt sie, mal springt sie nicht, mal ist sie wild und übermotiviert, mal klemmt sie, aber was man auf jeden Fall immer mitbringen muss, wenn man sie springen will ist gute Laune, eine unerschütterliche Ruhe, Geduld aber auch Durchsetzungsvermögen. Und, das wisst ihr wahrscheinlich selbst, in der Stimmung ist man nicht jeden Tag. Ginny in schlechter Stimmung reiten zu wollen, geht aber von vorneherein schief. Das spürt die sofort und es geht nichts mehr. Man muss sie schon anpacken, sonst kommt man nicht weit, aber immer im richtigen Maß. Einmal zuviel zugepackt oder einmal vergessen im richtigen Moment weiterzutreiben und das wird an dem Tag nichts mehr.

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Heute war aber ein Tag, der mir wieder die Gänsehaut auf die Haut trieb. Da passte einfach alles. Ginny war relativ schnell warm, das merkt man daran, dass man sich nicht tot treibt und sie eher langsamer wird als schneller. Sie war relativ schnell auf Betriebstemperatur und wir hatten die Halle für uns alleine. Wir hatten uns aber auch nichts vorgenommen. Dadurch, dass die Jungs vorher gesprungen sind, hatten wir Planken eingebaut. Das ist normalerweise für Ginny ein Grund sofort  und unter Protest die Halle zu  verlassen, da geht für sie gar nicht. Springen ok, aber über so gefährliche Sachen, nein, das macht sie nicht, auf jeden Fall nicht gleich.  Naja, gut, es war aber eben heute nichts anderes da und so bauten wir alles so klein wie möglich, vielleicht konnten wie sie ja irgendwie überzeugen.  Und dann sprang sie gleich mal den ersten Plankensprung ohne ihn anzuschauen. Verwunderte Blicke von uns, aber ok. Weiter geht’s.

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Der nächste sollte noch ein bisschen komplizierter werden. Ich habe keine Ahnung, was alle unsere Pferde für eine Abneigung gegen die weiße Wellenplanke haben, die ausgerechnet auch noch unser ehemaliger Vereinssprung ist, aber keiner von unseren springt die gerne. Ginny schon gar nicht. Also waren wir auf die schlimmsten Eskalationen vorbereitet, die wir ja schon gewöhnt sind und die uns nicht mehr beeindrucken.  Ich habe heute mal einfach im Serienbildmodus draufgehalten, als Nina den Sprung das erste mal anritt. Der Weg war klasse. Abgewendet von der Bande, den Sprung gesehen, dann ging es los: Auf 10m Anreiteweg hatten wir alles: ich springe, ich springe nicht, vielleicht springe ich doch, vielleicht auch nicht und dann hat sie abgehoben. Mit der verwunderten Nina obendrauf, die zwar schon getrieben und nicht nachgegeben hat, aber sehr wohl weiß, dass sie keine Chance hat, wenn Ginny auf stur schaltet. Ich versuche euch mal die Serienbilder in der Bilderfolge hintereinanderzustellen, vielleicht bekommt man einen kleinen Eindruck von dem, was ich gerade zu beschreiben versucht habe.

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Und damit war der Knoten für heute geplatzt. Ginny war sich sicher ein ganz großes Springpferd zu sein. Die beiden hatten richtig Spaß und ich weiß nicht, wann wir das letzte Mal die Sprünge immer noch ein bisschen höher gemacht haben und dabei das Gefühl hatten, dass dieses Pferd noch lange nicht an ihrer Grenze ist. Heute war das so. Ginny hatte ein unerschütterliches Selbstbewusstsein, eine Riesenspaß, sprang aus jeder Lebenslage und hat Nina damit ein Dauergrinsen ins Gesicht und mir ein Tränchen ins Auge gezaubert. Auch, wenn wir beide wissen, dass das vielleicht mal wieder ein einmaliges Erlebnis in Ginnys Springkarriere war und sie deshalb auf dem Turnier trotzdem nicht über den ersten Sprung eines A-Springen laufen wird, so ein Tag zwischendurch hält uns immer wieder bei der Stange und wir werden wohl den Glauben an sie nie verlieren, auch wenn das morgen schon wieder ganz anders aussehen kann.
Ganz frei nach dem Motto: „An Tagen wie diesen, wünscht man sich Unendlichkeit“

Ich lade hier jetzt einfach noch die restlichen Bilder von heute hoch, ohne sie weiter zu kommentieren und freue mich selbst beim anschauen noch wie ein kleines Kind über mein Ginnymäuschen, die sehr wohl könnte, wenn ihr Kopf das mitmachen würde.
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Und als Schlusssatz wollte ich noch das loswerden: Ich glaube es ist egal, ob mein Pferd S-Springen, Olympia oder sonst was gewinnt. Man kann sich bei jedem Pferd über das freuen, was es leisten kann und auch wenn so ein Sprung wie der letzte Oxer auf dem Bild für manch einen ( auch für Calle und Paul ) kleine Hüpfer sind, die man zum warmspringen nimmt, so sind sie doch mit Ginny eine große Leistung, über die man sich ruhig mal freuen darf. Wahrscheinlich mehr als bei jedem hocherfolgreichen Sportpferd über den x-ten S-Sieg. So muss halt jeder auf seinem Level bleiben und sich über das freuen, was er mit seinem Partner erreicht hat. Wär ja auch irgendwie gruselig, wenn wir alle Olympiaambitionen hätten , oder? 😉

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2 Gedanken zu “Ginny Gibson, das unbegreifbare Pferd

  1. Tamara schreibt:

    So schön! Deinen letzten Absatz sollte sich so mancher hinter die Ohren schreiben!

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