Trainingsupdate Pauli – The Champion is back

Den Tag würde ich immer noch gerne aus meinem Kalender streichen. Es war der Tag an dem der Tierarzt einfach nur routinemäßig zum Impfen vorbeikommen sollte und ich Pauli dazu von der Koppel holte auf der er zu diesem Zeitpunkt mit Knisti stand.

Es war wenige  Wochen nach dem Turnier in Kreuth, das Paulis letztes Turnier mit Nina sein sollte, weil wir ihn, dadurch das Nina inzwischen sehr groß ist und es ihm nicht mehr so leicht fällt sie über den höheren Sprüngen mit auszubalancieren, aus dem Sport nehmen wollten. Der Plan war, dass er langsam abtrainiert wird, viel auf die Koppel geht und einfach sein Leben genießen soll. Noch ein paar kleine Turniere mit Jule, seiner Reitbeteiligung, damit er sich nicht abgeschoben fühlt, mehr nicht mehr.

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Der Tierarzt rief an, er würde in einer halben Stunde kommen, und ich stapfte los um Pauli von der Koppel zu holen. Ein kerngesundes Pony hatte ich auf die Koppel gestellt, auf drei Beinen holte ich ihn wieder rein. Ich weiß nicht, was die Jungs dort getrieben haben, aber es muss wild gewesen sein.

Auf jeden Fall war es für den Tierarzt nicht mit Impfen getan.  Wir machten gleich noch eine Lahmheitsuntersuchung und lokalisierten den Fesselträger als Problem. Na super,  jahrelang im Sport und kerngesund, ein paar Wochen im Ruhestand und er bringt sich um. Es scheint doch nicht jedes Pony für das Chillerleben geeignet zu sein. Pauli ist es jedenfalls nicht.  Und so fand er sich noch am selben Tag mit einem dicken Verband, aber immerhin in Team Kaupp Farben auf dem Paddock wieder.  Das mit der Koppel hatte sich für den Rest des Sommers leider erledigt.  Das mit dem Paddock sollte auch nur noch kurzfristig gehen, da er auch diesen bald auseinander nahm.

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Und so war für uns Paulis Pflege angesagt. Praktisch rund um die Uhr. Er konnte nicht mit raus, wenn alle seine Freunde an ihm vorbei auf die Koppel gingen und glaubt mir, die Pferde wissen ganz genau, wann die anderen auf die Koppel gehen. Er durfte auch nicht mit, als die anderen mit den Minis aufs Turnier fuhren. Das war ganz hart. Der Hänger steht ja genau vor seiner Box, alle steigen ein und ihn, den wichtigsten, holt keiner. Sein verwunderter Blick und wie er dem Hänger hinterherschaute, als wollte er uns sagen: “ Hey, stop, ihr habt mich vergessen. „, war herzzerreissend, aber leider unumgänglich.

Wir taten alles dafür, ihm die angesagten drei Monate Schritt so angenehm wie möglich zu machen. Bespaßen, Beine kühlen, Grasen gehen, Spazieren gehen, kuscheln, putzen und einfach nur beschäftigen war angesagt. So oft und so lang wie möglich. Damit er auch ja nicht in der Box auf die Idee kommt sich nochmal zu zerstören.

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Und dann ging doch alles schneller als gedacht. Schon nach vier Wochen merkten wir, dass er eigentlich schon wieder ganz normal lief. Es war auch quietschfidel und ganz schön frech. Beim Führen musste man aufpassen. Der kleine Frechdachs ließ sich immer ganz unbemerkt hinter einem zurückfallen, nur um einen dann in einem geschickten Moment entweder zu schubsen oder in den Rücken zu beißen. So eine richtig kleine, freche Ratte. Aber wer kann ihm schon böse sein. Wir waren ja froh, dass er so fröhlich ist.

Uns so führten wir tapfer noch weitere vier Wochen Schritt bis wir uns langsam wieder trauten ihn in die Führmaschine zu stellen. Die Füma ist an sich kein Problem, solange sie läuft, aber da wir einen großen Durchlauf haben, wird sie eben oft angehalten, neue Pferde reingestellt, laufende rausgeholt. Und jeden Stop der Maschine hat Paul zum Bocken genutzt. Aber es ging alles gut. Das hat er schonmal überstanden ohne danach schlechter zu laufen. Ein gutes Zeichen.

Langsam gingen auch die Tage vorbei an denen ihn Nina am Strick auf dem Paddock festhalten musste und er trotzdem manchmal senkrecht vor einem stand, weil er jetzt einfach mal wild sein wollte. Nachdem er in der Maschine gut warmgelaufen war, durfte er auch wieder alleine auf den Paddock und ließ sich den ein oder anderen Freudenhüpfer nicht nehmen. Aber auch das war kein Problem mehr. Das Bein hielt.

Und so beschlossen wir, ihn früher als geplant wieder langsam anzutrainieren. Der Tierarzt schaute drauf, gab sein ok und es konnte losgehen.

Aber das war gar nicht so einfach. Nina war in Italien, ich war alleine mit dem verrückten Pony. Ich habe versucht den kleinen Wilden ordentlich Schritt zu reiten und, wie man es so macht, anfangen zu traben. Erst eine Minute, dann steigern. So war der Plan. Also meiner, aber nicht seiner.

Der kleine Fetz hielt schon mal gar nichts von Schritt. Loslassen, in Anlehnung gehen und den Rücken aufmachen. Fehlanzeige. Rücken durchdrücken, Kopf hoch, und dann wollte er los. Zur Bestätigung noch an jeder Ecke einen Haken schlagen und so musste ich kapitulieren. Das kann ich einfach noch nicht halten. Auch wenn Pauli noch so klein ist, so hat er eine ganz schöne Kraft im Hals, anscheinende keinerlei Gefühlsnerven im Maul, und zog mir einfach die Zügel aus der Hand. Wer schon aktuelle Bilder von mir genauer angeschaut hat, sieht, dass ich immer noch mit sehr langen Zügel reite, weil ich den Druck auf der Rückenmuskulatur noch nicht aushalten kann. Ein wild am Zügel zerrendes Pony, dass zudem noch Haken schlägt, die mein steifer Hals noch nicht mitmacht, gehört nicht zu meinen favorisierten Reittieren. Das geht einfach noch nicht.

Aber bewegen wollte ich ihn trotzdem und auch schon ein bisschen im Training haben, bis Nina wieder kommt und so haben wir es mit der Doppellonge versucht. Das ging gut und Pauli und ich verbrachten forthin unsere Tage auf dem Longierplatz und kamen so jeden Tag ein kleines Stückchen weiter. Aber ich  muss schon zugeben. Ein ganz kleines, vielleicht auch ein großes bisschen wurmt mich das schon, nicht mehr so zu können wie ich will.

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Aber egal, das Leben besteht eben daraus Lösungen zu finden und das haben wir getan. Bis Nina von Italien zurück war, konnte sie ihn schon 20min traben und galoppieren, stand aber rittigkeitsmäßig vor denselben Problemen wie ich. Pauli war ekelhaft. Rücken durchdrücken, Zügel aus der Hand ziehen, und auf gar keinen Fall loslassen, das war seine Devise. Von der war er nicht abzubringen. Bei einem weiteren Besuch der Tierarztes las uns dieser die Leviten. Das Pony sei kerngesund, aber wenn der rumrennt wie ein Hirsch wird das nie was. Aber dieses rumrennen, die Spannung im Flitzepony, die hätten wir eben erst rausbekommen, wenn er mal wieder richtig hätte galoppieren dürfen. Richtig heißt bei Paul richtig! Nicht 10 min Kartoffelgalopp sondern länger und auf jeden Fall schnell. Das durfte er aber noch nicht. Und so bissen wir in den sauren Apfel und machten den Schlaufzügel drauf.

Eigentlich ist das gar nicht unsere Art, wir besitzen nicht mal einen eigenen, aber das war jetzt unumgänglich. Knapp zwei Wochen lang ging Paul mit dem Schlaufzügel Dressur. Das war deutlich entspannter. Paul, der wahrscheinlich in seinem ganzen Leben noch keinen Schlaufzügel gesehen hat, fügt sich ohne zu murren seinem Schicksal, der Schlaufzügel hing dauerhaft durch, über den Rücken ging er trotzdem. Versteh einer dieses Pony. Das brachte uns aber über die nächsten zwei Wochen und dann durfte er endlich wieder galoppieren. Schnell und wild, ganz nach seinem Geschmack.

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Uns war noch nicht so richtig wohl dabei. Mit deutlich gemischten Gefühlen warteten wir den nächsten Tag ab. War das zu früh, hätten wir doch noch warten sollen? Wird er wieder schlechter laufen? Aber nichts dergleichen passierte. Er kam völlig normal aus der Box. Nichts dick, nichts warm und er lief. Da fiel uns dann schon ein großer Felsbrocken vom Herzen. Wir waren auf dem richtigen Weg. Und Paul deutlich entspannter. Der Schlaufzügel konnte wieder verschwinden, wir konnten auch schon mal wieder Dressur reiten. Nicht jeden Tag, aber immerhin. Jetzt darf er ja zwischendurch, wenn der Boden gut ist, wild galoppieren. Das tut ihm gut.

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Und so wurden wir langsam mutiger. Wir begannen langsam die ersten Stangen in den Weg zu legen und Paul griff sie an wie ein Verrückter. Die ersten Stangen und Cavalettis waren alles andere als schön, sie waren einfach nur verrückt, aber irgendwie mussten wir ja anfangen.

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Und so ging es dann doch relativ schnell voran. Ca. 4 Tage in der Woche wird Paul schon wieder geritten, den Rest macht er Alternativprogramm. Das geht gut so. Dressurmäßig ist es inzwischen, vorausgesetzt  der Boden ist gut, wieder ganz der Alte und so langsam können wir auch schon wieder die ersten kleinen Sprünge machen.

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So langsam lässt auch das ungute Gefühl nach einem etwas arbeitsintensiveren Tag nach,  man geht  nicht mehr mit dem Gefühl in den Stall, man könnte am Vortag alles falsch gemacht haben. Nein, so langsam ist es wieder normal Paul zu reiten, ihn auch zu fordern und nur noch wenig zu schonen. Er kann wieder und er will wieder.

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Eins ist aber auch klar. Paul ist jetzt 17. Er wird auch in Zukunft bessere und schlechtere Tage haben, man muss einfach jeden Tag schauen, wie es ihm geht und die Arbeit dementsprechend anpassen. Es gibt dann schon auch mal Tage, das merkt, man, das wird heute nichts, dann geht er eben Schritt ins Gelände. Er läuft grundsätzlich nur auf guten Böden. Wir würden nicht auf die Idee kommen ihn über tiefen Matschboden galoppieren zu lassen, ebenso wenig wie wir ihn in der Halle reiten würden, wenn vorher jemand sein Pferd hat laufen lassen und der Boden dementsprechend uneben ist. Wir planen die Reitzeiten möglichst danach, wann die Halle oder der Platz frisch gefahren ist und wenig Pferde in der Halle sind um unbedachte, enge Wendungen zu umgehen. Mit diesem Plan fahren wir momentan supergut und freuen uns darüber unseren Pauli so schnell  und so stabil wieder fit bekommen zu haben.

Danken müssen wir auch der Tierklinik Salzhofen und Dr.Gerweck, dass er an dem Tag, an dem er eigentlich nur impfen wollte und für uns nicht so viel Zeit eingeplant war, trotzdem gleich die Lahmheitsuntersuchung durchgeführt hat und mit diesem schnellen Handeln wahrscheinlich Schlimmeres verhindert hat.  Daran sollten wir immer denken, wenn wir mal wieder stundenlang auf unseren Tierarzt warten und er nicht kommt, weil ihm ein Notfall dazwischen gekommen ist. Wir alle könnten dieser Notfall sein und sind im dem Moment dankbar über jede Hilfe.

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