Wofür braucht man eigentlich Bereiter?

Ja, das frage ich mich auch immer wieder, wenn ich mich so umhöre.

Schließlich gibt es gerade in unserem Job genügend andere Leute, die unseren Job gerne auch machen würden.  Aber nicht mit allen Konsequenzen, wie wir ihn machen….

Ja, habt ihr es in eurem Job schon mal erlebt, dass jemand anderes kam und sagte: “ Geh du ruhig nach Hause, ich mache deinen Job gerne und weil es mir so viel Spaß macht, mache ich es auch noch umsonst“ ,  Nein?  Tja, bei uns ist das die Normalität.

Solange wir schwierige Pferde haben, nach denen sich keiner die Finger leckt, dürfen wir die auch gerne behalten, sobald mal einer dabei ist, der vielleicht einfach ist, ein bisschen talentierter oder einfach nur hübscher als die anderen, steht garantiert an jeder Ecke jemand, der den auch gerne reiten würde. Damit leben wir.  Das ist unser Job.

Oft kommen die Pferde erst zu uns, wenn kein anderer sie mehr möchte.

Mein Thema ist heute, warum man Pferde überhaupt in Beritt gibt, warum kann nicht einfach jeder Besitzer, ein x-beliebiger Jugendlicher aus dem Stall, der beste Kumpel usw.  das Pferd selbst reiten und ausbilden und der Reitlehrer schaut einmal in der Woche drauf und korrigiert? Schließlich kostet es beim Bereiter/ Reitlehrer  ja Geld, während man es ja auch umsonst haben kann. Ist doch viel besser, oder?

Ja gute Frage.

Früher war es mal so. Ein junges Pferd galt als Remonte. Und zwar nicht nur 3 Monate lang.  Remonten wurden über einen langen Zeitraum, der natürlich von Pferd zu Pferd schwanken kann,  ausgebildet und haben einfach nichts falsches gelernt. Der Profi wusste, was er von dem Pferd verlangen kann, wusste gesundheitliche Probleme einzuschätzen und damit umzugehen, erkannte, ob ein Pferd wächst, zahnt, oder sonstige altersbedingten Probleme hat und konnte darauf reagieren.  Ein dementsprechend gut und solide grundausgebildetes Pferd wird sich an diese Grundausbildung  immer wieder erinnern, selbst wenn in diesem Pferdeleben mal etwas schief läuft. Eine gute Grundausbildung ist durch nichts zu ersetzen. Nebenbei ist der gesundheitliche Aspekt durch vernünftig aufgebaute Muskulatur und stabile Sehnen, Bänder usw.  durch richtiges Reiten auch nicht zu verachten. Ein Pferd, dessen Skelett durch richtige Muskulatur getragen wird, ein Pferd, das bewusst mit Sinn und Verstand an neue Aufgaben herangeführt wird, immer unter Berücksichtigung der körperlichen und geistigen Fähigkeiten wird einfach länger gesund bleiben.

Ich selbst habe auch mehrere Jahre in einem Gestüt gearbeitet, in dem wir selbst gezüchtet, aufgezogen und die Jungpferde angeritten haben. Wir waren ein eingespieltes Team und auch wenn es natürlich immer unterschiedliche Pferde waren, die von uns angeritten wurden, so gab es doch nie eines darunter, das nicht reitbar war.  Auf jeden Fall nicht von Beginn an. Wenn, dann hat sich im Laufe des Pferdelebens durch verschiedene Umstände etwas entwickelt. Anfangs war ich selbst verwundert, wie einfach doch das Anreiten, die ersten Schritte an der Longe, das erste Mal alleine reiten und auch die ersten Ausritte waren, wenn man es richtig angeht. Aber die Pferde hatten einfach auch noch nichts Falsches gelernt. Sie kamen völlig roh von der Fohlenweide zu uns, kannten nur das Jungpferde ABC und sonst nichts. Den Rest haben wir gemacht. Wie gesagt, das war einfach. Und hat Spaß gemacht und Erfolg gebracht. Für uns weniger, da die Pferde meist schon verkauft wurden, bevor an man Turniererfolge nur denken konnte, aber umso mehr für die zufriedenen neuen Besitzer, mit denen wir teilweise heute noch in Kontakt stehen und uns über die Entwicklung unserer Schützlinge freuen.

Das waren noch Zeiten. Im Gestüt waren wir alleine. Die Pferde waren nur bei uns. Wir konnten in die Halle, wann wir wollten, wir hatten die Ruhe, die wir brauchten, egal ob einer mal länger brauchte oder ein anderer schneller war. Unser Chef, Rolf Götze, ein Pferdemann der alten Schule gab uns für jedes  Pferd die Zeit, die wir brauchten. Wir hatten keinen Druck. Wenn die jungen Pferde in der Halle waren, waren immer erfahrene Pferde dabei. Wir Reiter konnten das natürlich so steuern, dass nie zwei aufgeregte Pferde zusammen gehen mussten, wir konnten immer gute Konstellationen finden, so dass die Pferde Sicherheit bekamen. Wir sind uns auch nie in den Weg geritten. Waren wir mit mehreren in der Halle blieben wir auf einer Hand, so bekam keiner Angst weil ihm einer zu dicht kam. Wollte einer nicht laufen, hängten wir ein erfahrenes Führpferd davor. Dann liefen die Jungen einfach mit. Genauso im Gelände. Die Erfahrenen gingen voraus, die  Jungen hinterher. Und so lernten sie stressfrei alles kennen, was es draußen so gibt.

Heute ist das alles anders.
Raus aus der Idylle des abgeschirmten Gestüts, rein in das tägliche Leben. In einem x-beliebigen Pensionsstall. Mit vielen Einstellern, von allem was dabei. Da wird es dann schon schwieriger mit den jungen Pferden. Da hat man oft volle Hallen und das kann zu einem echten Problem werden. Ablongieren ist meistens  nicht möglich. Oft kann man es sich als Berufstätiger eben nicht aussuchen, wann man reitet. Das ist verständlich, aber nützt ja nichts.

Der Vorteil des Bereiters wäre hier schon, dass er meistens den ganzen Tag auf der Anlage ist und sich aussuchen kann, wann er welches Pferd reitet. Er wird nicht gerade mit den jungen Pferden während der Stoßzeit in die Halle gehen, sondern sich eine Zeit aussuchen, in der es ruhiger ist.  Damit könnte man sich so manche brenzlige Situation schon mal ersparen.

Mit der Zeit wird das Pferd sicherer, und nach und nach kann man die Anforderungen steigern, aber man muss halt die Wahl haben. Kann ich mit dem schon in eine volle Halle oder eben noch nicht. Es darf nicht davon abhängig sein, wann ich als Reiter eben Zeit habe und da muss das Pferd dann eben durch, sondern es sollte abhängig sein vom Ausbildungstand des Pferdes. Dann ist man schon mal auf einem guten Weg.

So könnte ich noch unzählige Situationen aufzählen, die oft einfach vermeidbar wären, wenn einfach von Anfang an alles richtig gemacht würde. Es wird trotzdem, allein durch die Tatsachen, dass ein Pferd ein Lebewesen ist, Problem geben, die aber einfacher zu lösen sind, wenn man mehr Erfahrung hat.

In der Realität sieht es aber leider anders aus.:
Gleich mal vorweg. Wer sich hier nicht angesprochen fühlt, umso besser, wer sich hier ein bisschen wiedererkennt, sollte nachdenken, ob er tatsächlich auf dem richtigen Weg ist. Es geht immerhin nicht nur um die Ausbildung eures Pferdes, sondern auch um die Gesundheit derer, die schiefgegangene Aktionen wieder grade biegen sollen.

Ich erlebe immer wieder mit, dass man sich junge Pferde kauft, weil sie noch unverdorben sind, unverbraucht, damit automatisch gesund, lange halten werden und noch nicht viel kosten dürfen, weil sie ja noch nichts können.

Ich rechne immer meinen Kunden, die zu mir kommen und ein junges, billiges Pferd kaufen wollen vor, was das Pferd allein schon mal bis es drei oder vier Jahre alt ist, möglichst gesund und behütet aufgewachsen ist, regelmäßig geimpft und entwurmt wurde, beim Hufschmied war usw. denn den Züchter oder Aufzüchter bisher schon gekostet hat.  Und gerade die Aufzucht ist ja das Grundgerüst für das weitere Pferdeleben, das ja möglichst lang und gesund sein soll.  Ihr versteht, was ich meine?

Da hat ja schon jemand ( in der Regel der Züchter) viel Geld investiert, meist über mehrere Jahre hinweg, nämlich mindestens von der Bedeckung der Stute bis zu dem Zeitpunkt an dem er verkauft. Das Geld hat er nicht ohne Risiko investiert. Er wusste vorher nicht, ob es ein Guter oder ein weniger Guter, der dann auch weniger Geld bringt wird. Er wusste nicht, ob das gezüchtete Tierchen gesund und damit gut verkäuflich sein wird. Nein, er wusste vorher nicht mal, ob er es überhaupt irgendwann verkaufen können wird. Nicht jedes Pferd wird überhaupt mal 3 oder 4 Jahre alt….

Jetzt ist es aber doch soweit. Das talentierte Jungpferd ist 4 Jahre alt und soll nun zum Reitpferd werden.

Das Sparen an der falschen Stelle geht dann oft gleich mal weiter. Um sich die Kosten für den Bereiter zu sparen longiert man schon mal selbst, obwohl man vielleicht noch nie ein junges Pferd anlongiert hat. Aber man hat ja schon mal sein ehemaliges Lehrpferd longiert, das kann ja nicht so viel anders sein. Longieren kann ja jeder.
Nicht selten treten schon beim anlongieren die ersten Probleme auf, beim ersten Satteln usw.  Trotzdem wird eifrig weiter probiert. Man will es ja alleine schaffen. Irgendwie meinen immer noch viele, es wäre ein Schwächeeingeständnis, wenn man nicht alles alleine gemacht hat.
Man will  ja sagen können, dass man sein Pferd selbst ausgebildet hat. Das ist ja toll, wenn es funktioniert, wenn man aber merkt, es geht nicht, sollte man über seinen Schatten springen und sich Hilfe holen. Nicht heute den, und morgen den, und jeder versucht andere Tricks, sondern einen Profi seines Vertrauens, der mit jungen Pferden Erfahrung hat und alles in die richtigen Bahnen leiten kann, und zwar

BEVOR DAS KIND IN DEN BRUNNEN GEFALLEN IST

Noch besser, wäre es gar nicht erst selbst zu vesuchen….

Ich selbst kenne sogar viele Profis, die erfolgreich im Sport reiten, trotzdem aber nicht an die ganz Jungen ran gehen. Die sind nämlich so ehrlich zu sagen, dass sie damit wenig Erfahrung haben und man lieber zu jemand gehen soll, der das ständig macht und dementsprechend routiniert ist.  Das ist dann ehrlich und wird dem Pferd und dem Besitzer viel Geld und Ärger ersparen.  Das Sparen am falschen Ende kann nämlich am Ende ganz schön teuer werden, nämlich dann, wenn man sich eingestehen muss, dass aus dem ehemaligen Hoffnungspferd ein unreitbarer Esel geworden ist.

Das ist dann ärgerlich für den Besitzer, den das Experiment Sparsamkeit am Ende viel Geld kosten wird, und noch ärgerlicher und schmerzhafter für das Pferd, das nichts dafür kann, dass es als Versuchsobjekt herhalten musste.

Ich für meinen Teil hatte das absolute Glück mit Ginny , Calle und auch Paul  drei  Pferde gekauft zu haben, die eine grundsolide Kinderstube hatten. Alle wurden von erfahrenen Reitern ausgebildet, Ginny bis sie 4 war und Calle kam ja sogar erst 6jährig zu uns. Ich genieße jeden Tag wieder den Umgang mit den beiden und freue mich daran. Wie man an Ginny gesehen hat, können trotz allem gesundheitliche Probleme, in denen man nicht drinsteckt auftauchen. Trotz allem konnte ich immer wieder in den Zeiten, in denen wir sie gesundheitlich auf dem Laufenden hatten, auf die Grundausbildung zurückgreifen, die ihr niemand mehr nehmen kann. Danke an dieser Stelle an die Ausbilder der Beiden, die in ihren jungen Pferdejahren einen tollen Job gemacht haben.

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Genauso stolz bin ich meinerseits auf „meinen“ Knisti, den ich dreijährig gerade  mal angeritten ( auch das wurde professionell gemacht)  gekauft habe und der seitdem entweder in meinem Besitz oder in meinem Beritt ist. In den 8 Jahren, die der Bub jetzt bei uns ist, hat er nicht viel Falsches gemacht und ist je nachdem, was gerade von ihm verlangt wird ein zuverlässiger  und gesunder Partner. Egal ob damals mit Nina im Ponykader auf L-Niveau, als Lehrpony für Merit für E und A und jetzt auch noch in seinem Nebenjob als Führzügel-/ Reiterwettbewerbkinderpony.

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Aber das Management meiner „Team Kaupp Pferde und Ponys“ ist Thema für einen weiteren Blogbeitrag und wird nächste Woche online gehen. Dann auch wieder mit Bildern, damit es nicht so schwer verdaulich ist.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein Gedanke zu “Wofür braucht man eigentlich Bereiter?

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