Ginny Gibson– und es geht weiter….

Ihr habt lange nichts mehr von Ginny Gibson gehört. Das liegt daran, dass es nicht viel zu berichten gab. Nachdem wir Ginny ja in Kreuth noch aus dem Turniergeschehen genommen haben, weil ihre Nerven noch nicht mitgespielt haben, haben wir aber natürlich nicht aufgehört mit ihr zu arbeiten.

Aber es geht halt alles nur Schritt für Schritt. Es gibt nicht jede Woche Neuigkeiten zu berichten, wir steigern uns nicht ständig im Wundermodus, nein, im Gegenteil, wir machen mit ihr ganz reelle, aber langwierige Aufbauarbeit. Immer in ihrem Tempo, immer ein kleines bisschen unter dem Limit, um keinen Rückfall zu riskieren.

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Irgendwie schaut man immer noch jeden Tag in sie hinein.

Geht es ihr gut?

Wie ist sie drauf?

Hat sie heute nur schlechte Laune, oder geht es ihr schlechter?

Wird sie rossig?

Hat sie angelaufene Beine?

Wie sieht das Fell aus?

Kann sie beim Hufe aufheben stehen?

Lässt sie sich satteln und gurten?

Was reiten wir heute?

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Das sind so unsere täglichen Gedanken mit ihr. Man will irgendwie immer alles richtig machen. Es ging so kontinuierlich aufwärts mit ihr, seit sie von der Koppel zurück ist, man konnte  praktisch jeden Monat wieder eine Verbesserung erkennen. Und trotzdem bleibt die Angst im Hinterkopf, dass alles irgendwann wieder von vorne losgeht. Ich weiss nicht, ob ich nochmal die Kraft hätte, die Zeit, die Geduld, sie nochmal ganz von vorne aufzubauen, wenn es wieder so schlecht wie damals gehen sollte. Aber diesen Gedanken schiebe ich mit jedem Tag weiter von mir, weil es ihr tatsächlich mit jedem Tag besser geht und sie in den letzten 2 Monaten nochmal einen riesigen Fortschritt gemacht hat.

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Obwohl wir ja vorher schon zufrieden waren mit dem Fortschritten, weil es nicht mehr so schlecht war, dass sie die Box nicht verlassen wollte, so sind wir im Moment nochmal einen Schritt weiter. Ihr Bewegungsablauf wird immer besser, wir kommen langsam wieder an die Qualität, die sie vor ihrer Krankheit hatte. Bisher brauchte sie doch immer noch 20min, um in Gang zu kommen, ihren Takt zu finden, so dass man immer überlegen musste, ob sie wirklich ganz gerade geht oder nicht. Klar weiss ich, dass sie nie wirklich lahm war, sonst hätten wir sie ja nicht geritten, aber so ganz optimal war der Takt halt doch oft nicht. Das wurde über das Reiten immer besser, dauerte aber jeden Tag aus Neue seine Zeit. Manchmal war man erst soweit, dass sie den Takt gefunden hat, wenn sie eigentlich schon müde war und so musste man immer dann das Training beenden, wenn sie „gut“ geworden wäre.

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Jetzt ist das anders. Ginny kommt aus der Box und ist wach. Sie ist ganz schön frech im Stall, ärgert Calle und spielt mit uns und den anderen Pferden. Keine Futterschüssel ist vor ihr sicher, Futtersäcke sowieso nicht. Wenn man sie massiert, steht sie in der Stallgasse und wenn sie eine Katze wäre würde sie anfangen zu schnurren. Kein bisschen Giftigkeit mehr, wenn man sie berührt, kein Drohen, kein Schlagen, kein Herumbeissen mehr. Sie steht einfach da und geniesst. Sie macht einfach Spaß gerade.

Wenn sie auf die Koppel geht, bockt sie erst mal ausgiebig den Berg hoch und runter, so voller Lebensfreude, dass ich immer noch eine Gänsehaut bekomme. Sie ist einfach wach und lebt.

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Und so werden wir jeden Tag ein bisschen mutiger mit ihr. Letzte Woche haben wir sie das erste Mal wieder mit ins Gelände genommen. Auch das wollte sie ja nicht mehr. Wollte man auf einem Feldweg antraben, stellte sie sich an den Anfang des Weges und bockte und stieg.  Lief ihr das andere Pferd davon animierte sie das keineswegs mitzugehen, im Gegenteil sie ärgerte sich so darüber, dass sie noch mehr bockte, im Zweifel auch bis zum hinfallen. Deshalb war es doch schon wieder mit Luftanhalten verbunden, als wir sie mit Calle zusammen ausgeritten haben. Wir wussten ja mal wieder nicht, was passiert.

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Aber es passierte gar nichts. Ginny hatte Spaß. Mit Calle an ihrer Seite galoppierte sie die Wege entlang, als hätte sie nie etwas anderes getan und nie keinen Spaß daran gehabt. Das sind immer die Gedanken: “ Wir haben UNSERE GINNY wieder“ so wie sie mal war. Und es ist Gänsehaut pur. Keiner hätte vor einem Jahr geglaubt, dass wir diesen Punkt nochmal erreichen werden. Auch wir selbst nicht. Ginny wahrscheinlich auch nicht. Aber es geht immer ein kleines Stückchen weiter.

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Und so ging sie gleich am nächsten Tag nochmal raus. Diesmal alleine. Und auch das ging. Das meine Ginny mit gespitzten Ohren und hocherhobenem Kopf auf der Wiese galoppiert, das ist für mich unglaublich. An so einem Tag kann mich nichts und niemand mehr ärgern. Da ist alles andere egal, da freut man sich nur über das Mädchen.

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Auch beim Reiten zuhause, egal ob Dressur oder Springen, ist sie gerade ehrgeizig, wach, manchmal schon übermotiviert und macht einfach Spaß. Und so haben wir beschlossen, sie einfach mal mit aufs Turnier zu nehmen. Weit weg von zuhause, wo uns niemand kennt, kein Zuschauer, kein Richter, einfach ganz allein. Wir wussten ja mal wieder nicht, was passieren wird.
Es hätte sein können, dass sie auf dem Abreiteplatz nicht mal antrabt.

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Es hätte auch sein können, dass sie zwar auf die Mittellinie geht, aber von dort keinen Schritt weiter.

Es hätte auch sein können, dass sie statt anzugaloppieren einfach stehen bleibt und steigt.

oder,oder,oder….

es hätte viel passieren können, darauf waren wir vorbereitet.

 

Da die Prüfung sehr früh losging mussten wir schon am Tag vorher einflechten. Ginny war schon beim einflechten total aufgeregt. Das kann man nicht beschreiben, das muss man gesehen haben. Sie wird dann ganz unruhig, hibbelig, muss ständig ihre Nase irgendwo reinstecken und würde am liebsten auf der Stallgasse galoppieren. Die Augen werden dann ganz wach und glänzend und die Ohren sind in ständiger Bewegung. Es ist unbeschreiblich und einfach nur süß. Allerdings dachte ich, wenn sie schon beim Einflechten so aufgeregt ist, was wird dann erst morgen passieren….

Am nächsten Morgen ging Nina zum Schrank in dem die Transportgamaschen lagern und Ginny war wieder wach. Die brummelte wie verrückt, als wollte sie uns klarmachen, dass man sie auf gar keinen Fall zuhause vergessen sollte. Sie wollte mit, das machte sie uns deutlich klar.  Und als sie dann tatsächlich mit Calle gemeinsam aus dem Stall geführt wurde, stiefelte sie mit Riesenschritten zum Hänger und drängelte schon fast rein. Nur auf gar keinen Fall vergessen werden.

Diese Art, die sie hat, macht sie zu dem, was sie für uns ist. Ginny ist einfach ganz speziell. Man merkt immer sofort, wenn irgendwas nicht stimmt, sie hat so eine verrückte Art ihre Gefühle zu zeigen, man muss immer wieder lachen, weil sie es so witzig rüberbringt, wenn sie an etwas Spaß hat.

Und Calle fand es auch toll, dass sein Mädchen mitgefahren ist. Calle  und Paul sind ja nicht die besten Freunde, weil der kleine freche Paul den armen Calle immer ärgert. Und dann so eine Ginnymaus in der Mitte zwischen den beiden stehen haben, das sorgte schon für ganz viel Zufriedenheit im Hänger.

Auf dem Turnier angekommen, war Ginny relaxt.  Sie war die ersten die aussteigen musste. Sie liess sich in einer Seelenruhe satteln, als ob sie noch nie in ihrem Leben aufgeregt und hibbelig gewesen wäre. Es schien, als wäre sie ein alter Turnierhase. Auch das Abreiten lief völlig reibungslos. Das hatten wir nun wirklich nicht erwartet. Wir hatten mit allem gerechnet, aber nicht damit, dass gar nichts passiert.

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Nina hatte die Order eine völlig lässige Dressur zu reiten. Lieber für eine 6 und zufrieden und locker, also lieber zu wenig Aufwand, auf gar keinen Fall irgendein Risiko eingehen, als für eine 8. Mir war nur wichtig, dass sie aussenrum läuft. Ohne zu bocken, ohne zu blockieren. Wir wissen beide, wie schnell sie hochkommen kann, wenn irgendwas nicht stimmt. Dann steht man auf der Stelle und kommt nicht mehr weiter.

Und das hat Nina optimal umgesetzt. Völlig lässig, lenkte sie Ginny durch die Aufgabe, die natürlich noch nicht schwer war. Das hatten wir uns schon so ausgesucht. Eine einfache Aufgabe ohne Risiko. Kein Rückwärts, kein Seitwärts, nichts was schwierig werden könnte. Erstmal nur brav im Schritt-Trab-Galopp aussenrum. Das ist schon Anforderung genug. Und unser Plan ging auf. Ginny kam in keiner Phase auch nur ansatzweise auf die Idee, dass hier irgendwas schlimm sein könnte und marschierte zufrieden und locker durch die Aufgabe. Kein Taktfehler, kein nervöses Kopfschütteln, kein klappern auf dem Gebiss. Alles gut. Runde um Runde. Ich habe tapfer fotografiert, während auch Nina mit jeder Runde entspannter wurde und mitten in der Aufgabe begann bis über beide Ohren zu grinsen. Ich draussen auch. Und als sie auf die letzte Mittellinie abgewendet ist, und es war immer noch alles gut, hätte ich mich am liebsten einfach auf die Wiese gesetzt und geheult. Das hat mich echt mitgenommen. Alle Bilder liefen vor meinem Auge ab. Alles, was wir in den letzten drei Jahren erlebt haben. Jeder Aufenthalt in der Klinik, jedes neue Röntgenbild, jede Enttäuschung, wenn eine hoffnungbringende Behandlung wieder nichts gebracht hatte. Der Tag, an dem ich sie ( ich dachte ja für immer) auf die Koppel gebracht hatte. Alles ging mir in diesen Minuten durch den Kopf und mir fiel ein riesen Stein vom Herzen.

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Ich wartete zwar auf die Note, die mir zwar eigentlich völlig egal war. Ich wollte ja nur eine 6. Und dann kam eine 7,4. Völlig berechtigt, schließlich war es eine A-Dressur und da will man lockere, im Takt und sauberer Anlehnung gehende Pferde sehen. Und so war es ja auch. Er war alles in Ordung in dieser Aufgabe. Deshalb durften die Richter dafür auch die 7 geben. Auch das Protokoll war passend. Das, was wir wissen, stand drin, wir brauchen noch ein bisschen mehr Selbsthaltung, ein bisschen mehr Schub im Tritte verlängern und ein bisschen mehr Nase vor im Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen. Das wissen wir, aber das können wir erst reiten, wenn wir uns wieder sicher sind, dass sie im Viereck rund läuft.
Dafür war der Schritt top und der Galopp auch. Geschmeidige Rückführung aus dem Sprünge verlängern, gestreckt  sitzende, fein einwirkende Reiterin, nettes Gesamtbild, soweit die positiven Dinge aus dem Protokoll.

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So durfte Ginny eine Weile in Ruhe grasen bevor sie als zweite in die Siegerehrung ging. Und selbst hier hielten die Nerven, woher auch immer sie die heute genommen hat. Zuhause übe ich gerade mit ihr, im Stall Musik laufen zu lassen, weil sie Musik normalerweise völlig aus dem Konzept bringt. In der Siegerehrung fand sie die Musik völlig in Ordnung. Versteh einer dieses Pferd.

Den Rest des Tages sorgte Ginny für Ordnung auf dem Hänger sortierte die Jungs, teilte ihr Heu mit Paul, er bot ihr dafür sein Mittagsfutter an. Sie war die ganze Zeit auf dem Turnier total zufrieden und relaxt. Keine Anzeichen von Stress.

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Und so werden wir unseren Plan weiter verfolgen. Wenn es ihr weiterhin gut geht, wird sie noch ein paar einfache Dressuren auf dem Turnier laufen. Da sie ja keine Dressurpferdeprüfungen mehr gehen darf, müssen wir halt in A-Dressuren starten. Das wird jetzt mal eine Weile so sein, und wir werden schauen, wo uns der Weg hinführt.  Im Moment möchte ich nicht unterschreiben, dass man sie nicht auch irgendwann mal wieder im Parcours sehen wird, aber auch das wird in den kleinstmöglichen Springen passieren und dann sieht man weiter.  Der momentane Plan ist, dass sie im Juni nochmal mit nach Kreuth fährt und dort wird man dann sehen, was und ob man mit ihr reitet. Jetzt geht sie auf jeden Fall mal mit und im Zweifel geht sie eben wie beim letzten Mal wieder ausreiten.

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8 Gedanken zu “Ginny Gibson– und es geht weiter….

  1. teamkaupp schreibt:

    Danke schön- und momentan schreibe ich schon wieder den nächsten Blog, da mich meine Ginny heute schon wieder zu Tränen gerührt hat.

  2. Muriel schreibt:

    Alleine der Text hat mir Tränen in die Augen getrieben, ich freue mich so für Euch und speziell dich! So toll zu Hören, dass sie so viel Lust hatte! Ganz viel Erfolg für die Nächste Zeit! 😊

  3. teamkaupp schreibt:

    Ganz ehrlich? Als Nina mit Ginny auf die letzte Mittellinie kam ( in einer A-Dressur 😉 )musste ich auch erstmal ein Tränchen verdrücken. Die Leute um mich rum halten mich glaub für völlig verrückt, aber was solls

  4. teamkaupp schreibt:

    Danke schön. Di eTexte kommen bei bei mir aus dem Bauch heraus und genauso wie ich schreibe fühle ich mich mit ihr. 😉

  5. teamkaupp schreibt:

    Vielen Dank für das supernette Feedback. Ja, bei jedem anderen Pferd hält man so Kleinigkeiten für normal, für Ginny sind es immer wieder große Schritte, die einem wieder zeigen, dass man Gesundheit usw. nicht als selbstverständlich ansehen darf. Ich habe viel gelernt in den letzen Jahren

  6. Eva-Maria schreibt:

    Der Beitrag hat bei mir schon die ein oder andere trane hervorgerufen😍

  7. Ronja schreibt:

    Da geht mir wirklich das Herz auf 😊 zum einen ist der Text wundervoll amüsant geschrieben … zum anderen aber verfolge ich eure Geschichte schon sehr lange und fand vor allem auch Ginny immer total interessant, da mich sehr an eine unserer eigenen Stuten erinnert. Umso mehr freue ich mich über jeden noch so kleinen Fortschritt und über so einen riesigen natürlich ganz besonders. Macht weiter so! Alles Gute bei eurer Arbeit mit den Pferden 🦄🙈❤

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