Was heißt eigentlich…?- Ein Pferd am Zügel haben?

Ich reagiere ja hier auch immer mal wieder gerne auf eure Privatnachrichten, die ihr mir per Instagram zukommen lasst. Allerdings braucht man für manche Blogs sehr viel Zeit, und die habe ich oft im normalen Alltag nicht.

Momentan ist die Zeit nicht mein Problem, eher die im Krankenhaus fehlende Möglichkeit den Blog mit Bildern oder Zeichnungen zu unterstützen. Es würde wohl komisch kommen, wenn ich im Schwesternzimmer nachfrage, ob die mir mal was einscannen können….
Aber gut, ich werde mir so gut wie möglich behelfen und möchte heute mal ein häufig angesprochenes Thema angehen.

„Wie bekommst du dein Pferd an den Zügel?“

…ist wohl eine der am häufigsten gestellten Fragen, die bei mir ankommen.

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Ganz kurz, das ist eine Frage, die ich nicht in einer Privatnachricht beantworten kann und ebenso kann man sie nicht in einem Satz erklären.
Wenn ihr an dem Punkt seid, an dem ihr lernen wollt euer Pferd an den Hilfen zu haben, kann euch tatsächlich nur euer realer Reitlehrer zuhause helfen, der euch kennt, das Pferd kennt und eure Fähigkeiten zur korrekten Hilfengebung einschätzen kann, ebenso zur Rittigkeit eures Pferdes.

Für mich persönlich fängt das Ganze schon mal mit dem falschen Ausdruck an:
“ Wie bekomme ich mein Pferd an den Zügel“

hört sich genauso an, wie es viele umsetzen.

Nämlich so lange am Zügel zuppeln, bis das Pferd den Kopf unten hat. Das gibt ja auch schon der Ausdruck vor. Deshalb mag ich den so gar nicht.

Also, ich fange mal ganz von vorne an:

Ein Pferd an den „Zügel“ besser gesagt “ an die Hilfen“ zu reiten setzt erstmal einen ausbalancierten Grundsitz voraus. Denn die Hilfengebung setzt sich ja bekanntlich aus mehreren Hilfen zusammen.

Wir treiben mit den Schenkel,-und Gewichtshilfen das Pferd nach vorne und fangen das Ganze an der Zügelhilfe wieder ab.
Um diese Hilfen effektiv einsetzen zu können ist es unerlässlich ausbalanciert, im Gleichgewicht auf dem Pferd zu sitzen, um überhaupt fühlen zu können, was die Schenkel,-und Gewichtshilfen tun und sie präzise einzusetzen und mit den Zügelhilfen zu verbinden.

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Vom Grundprinzip stellt ihr euch das mal vor wie die Feder, die ihr in einem Kugelschreiber finden könnt.
Man kann diese Feder auf einer Seite spannen, dann wird sie auf der anderen entfliehen.

( Probiert das ruhig mal aus)

Nur, wenn man das richtige Gleichgewicht zwischen der Spannung auf beiden Seiten findet  ( treibende und verhaltende Hilfen), wird man die Feder in sich gespannt bekommen und damit eine gewisse Kraft entwickeln können.

So ungefähr könnt ihr es euch bildlich bei eurem Pferd vorstellen.  Durch die treibenden Hilfen gebt ihr eurem Pferd dem Impuls mit dem Hinterbein von hinten nach vorne unter den Schwerpunkt zu treten.

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Das ganze fangt ihr dann vorne am anstehenden Zügel wieder ab, den ihr euch wie ein leicht gespanntes Gummiband vorstellt.  Ihr gebt also immer wieder von hinten nach vorne einen Impuls, der vorne wieder abgefangen wird, damit euch euer Pferd nicht unter dem Hintern wegläuft. Das Pferd soll durch eure treibenden Hilfen nicht schnell werden, sondern fleißig im Takt  in der jeweiligen Gangart gehen.

Und hier sind wir schon  bei der Skala der Ausbildung angekommen, ein Begriff, der euch euer reiterliches Leben lang begleiten wird.

Die Skala der Ausbildung ist aufgebaut wie eine Pyramide. Unten steht eine breite Basis, das ist der Takt. Auf dieser breiten Basis, dem Standfuß praktisch, baut sich pyramidenförmig der Rest auf.
Achtung: Alle Teile der Ausbildungsskala gehen ineinander über und bauen genau in der genannten Reihenfolge aufeinander auf. Ihr könnt die Pyramide nicht anders bauen, dann kann sie nicht stehen.

Auf dem nachfolgendem Bild könnt ihr das ganz gut erkennen.

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Ganz grob erklärt:

( Wenn euch das Thema genauer interessiert kann ich euch nur die Richtlinien für Reiten und Fahren Band 1 ans Herz legen)

Um in Anlehnung gehen zu können muss ein Pferd erstmal im Takt gehen können.

Unter Takt verstehen wir das Gleichmaß der Bewegungen in allen drei Grundgarten.
Ein im Takt gehendes Pferd kann losgelassen durch den Körper schwingen und ist dadurch erstmal überhaupt in der Lage seinen Körper sinnvoll einzusetzen und sich mitsamt dem Reitergewicht auszubalancieren. Solange es noch an allen Ecken und Enden klemmt, gibt es weder Takt noch Losgelassenheit und daraus kann dann natürlich auch keine Anlehnung entstehen.

Ihr seht also wieder, alle Teile der Ausbildungsskala bauen aufeinander auf. Fehlt ein Grundbaustein kann man den nicht einfach überspringen, es geht dann nicht weiter.

Kann der Reiter durch seine gefühlvolle aber konsequente Hilfengebung in allen drei GGA´s im Takt reiten, auch durch Ecken, Wendungen, Handwechsel, Übergänge usw., dann ist der Schritt zur Losgelassenheit und damit zur Anlehnung ein kleiner. Ihr werdet sehen, das alles geht dann von ganz alleine.

Schwingt ein Pferd mit einer aktiven Hinterhand unter den Schwerpunkt, wird die Rückenlinie den Spannungsbogen aufnehmen und der Hals wird beweglich. Ihr könnt nun über die weitere Arbeit- Übergänge, Stellung, Biegung, Reiten von gebogenen Linien, Tempounterschieden usw. eure Hilfengebung verfeinern und versuchen zu fühlen, wie eure Pferd darauf reagiert. Tritt es vertrauensvoll an die Hand ( da war er wieder, der Gummibandzügel), dann habt ihr bis dahin alles richtig gemacht.

Am besten überprüft ihr eure Anlehnung durch das Überstreichen.

Wenn ihr am Zügel nachgeben könnt, ohne, dass das Pferd sich sofort freimacht und froh ist, den Zügel los zu sein, weiterhin mit schwingendem Rücken im Takt bleibt und ihr dann den Zügel wieder annehmen könnt, ohne Takt, Rhythmus und Anlehnung zu verlieren, dann seid ihr auf dem richtigen Weg.  Während der Überstreichens behaltet ihr  eure Pferd natürlich an den treibenden Hilfen.

Auf den nachfolgenden Bildern könnt ihr zum Beispiel sehen, wie Calle mir etwas zu tief kommt, sich hinter dem Zügel versteckt.

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Jetzt muss ich ihn wieder ein bisschen mehr von hinten nach vorne durchtreiben, damit das Genick wieder der höchste Punkt wird und ich ihn „vor den treibenden Hilfen “ habe.

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über die treibenden Hilfen bekomme ich die Nase wieder mehr nach vorne….

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… das Pferd wieder auf die Hinterhand und das Genick wieder an die höchste Stelle….

Ich gebe euch heute mal noch ein paar Übungen mit auf den Weg, die euch euer Reitlehrer zuhause aber sicherlich genauso erklären wird.

Als erstes Mal ist es mir wichtig klarzustellen, dass es keine Schande ist mit Hilfszügeln zu reiten. Solange ihr euch noch nicht ganz sicher seid, scheut euch nicht einen Dreieckszügel einzuschnallen. Ihr habt viel mehr Zeit euch auf euren Sitz und eure Hilfengebung zu konzentrieren, wenn ihr nicht ständig mit dem Kopf des Pferdes beschäftigt seid. ( Den wollen wir ja nicht am Zügel runterziehen, gell 😉  )
Beschäftigt euch lieber damit korrekte Hufschlagfiguren reiten zu können und zwar nicht, indem ihr am Zügel lenkt, sondern mit euren gesamten Hilfen.

Nehmt euch mal einen ganz einfachen Zirkel vor und versucht Runde um Runde genau dieselbe Linie zu reiten, ohne, dass ihr am inneren oder am äußeren Zügel gegenlenken müsst. Die Linie muss von ganz alleine klappen, auf jeden Fall soll es sich so anfühlen. Wenn ihr das geschafft habt, immer wieder auf derselben Linie im selben Tempo zu bleiben, dann seid ihr schon ein Stückchen weiter. Dann könnt ihr nämlich mal davon ausgehen, dass euer Pferd euren Hilfen zuhört und ihnen folgt. Sonst wäre nämlich jede Zirkellinie ein Zufallsprodukt.

Ihr werdet dabei merken, dass eure Pferd dann wahrscheinlich auch schon in der richtigen Stellung geht, sonst könntet ihr nämlich gar keine gleichmäßige runde Linie reiten. Und wenn es das tut, dann wird höchstwahrscheinlich auch schon der Dreieckszügel durchhängen.

Ganz wichtig ist, dass euer Pferd nur in Stellung und Biegung geht, nicht mehr!

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Ich weiß, dass man manchmal den Kopf durch Ziehen am inneren Zügel runterbekommt, aber genau das ist ja das, was wir nicht wollen. Damit erzielen wir keine ehrliche Anlehnung, sondern nur ein herumziehen des Halses. Sobald wir wieder nachgeben wird sich das Pferd von dem Druck befreien und nicht mehr an den Hilfen sein. Das mag schon mal ganz kurz zu klappen scheinen, ist aber nicht ehrlich und wird nicht dauerhaft funktionieren.

Das Pferd soll auf gebogener Linie immer genauso gebogen sein, wie es die Linie vorgibt. Das heißt, wenn ihr euch die Wirbellinie des Pferdes als gedachte Linie vorstellt und auch die Zirkellinie, sollte beides aufeinanderpassen. Zieht ihr den Kopf Zuviel nach innen, wird die Hinterhand nach außen ausweichen und ihr seid nicht mehr auf der korrekten Linie.

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Wenn das mit eurer Zirkellinie gut funktioniert hat, könnt ihr Handwechsel und weitere Linien mit einbeziehen. Wenn ihr beispielsweise Ganze Bahn reitet, dann macht das mal ganz bewusst. Das ist nicht nur außenrumreiten, Ganze Bahn ist viel mehr.
Ihr versucht mal bewusst die lange Seite geradeaus zu reiten., optimalerweise nicht direkt an der Wand, sondern vielleicht 20-30 cm weg vom Hufschlag. So werdet ihr die äusseren Hilfen mehr einsetzen müssen, da das Pferd nicht mehr von der Wand geradeaus gelenkt wird.  Nun nehmt ihr euch jede Ecke als Viertel Volte vor, die sie ja eigentlich auch ist. Also geradeaus die lange Seite entlang, vor der Ecke Stellen und  um das innere Bein biegen, ohne den Kopf nach innen zu ziehen. Nach der Ecke wieder bewusst geradeaus ( auch die kurze Seite nicht als Oval reiten) und wieder ein Viertel Volte in der nächsten Ecke.

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                                                   Wenn ihr das alles gut hinbekommt werdet ihr schon sehen, dass das Zusammenspiel zwischen euch und eurem Pferd immer besser wird, vorausgesetzt, ihr macht es ordentlich und bewusst und beschummelt euch nicht selbst, indem man halt doch wieder am Zügel lenkt.

Weiterführend gibt es noch ganz viele weitere schöne Übungen, die euch dabei helfen werden eure Pferde an die Hilfen zu bekommen und sie dort auch dauerhaft zu halten.

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Ihr reitet in der Ecke eine ganze Volte, habt dabei das Pferd mit dem inneren Schenkel diagonal an den äusseren Zügel stabil an den Hilfen. Dann geht es schonmal gebogen durch die Ecke. Gleichzeitig dürft ihr ( ähnlich des ausdrückens eines Schwammes) in der Ecke den inneren Zügel zwei-dreimal leicht annehmen und nachgeben und wenn euer Pferd gut geritten ist, werdet ihr auch Stellung haben. Dann beendet ihr die Volte mit Geradeausreiten, d.h. Stellung weg, innerer Zügel gibt nach.
Kurz nach dem Wechselpunkt biegt ihr das Pferd um den neuen inneren Schenkel ( immer da wo das Pferd gestellt ist, ist innen, also im Fall der Schlangenlinie wird innen zu außen und andersrum), begrenzt es mit dem äußeren Schenkel und Zügel. Ihr dürft nun wieder leichte Innenstellung abverlangen, eben genausoviel wie die Schlangenlinie gebogen ist. Das Ganze wird dann am Wechselpunkt wieder beendet, innen und außen wechselt wieder und ihr reitet wieder mit der neuen Stellung und Biegung durch die Ecke und innerhalb dieser eine ganze Volte.

Das ist dann schon eine recht anspruchsvolle Aufgabe, weil alles relativ schnell hintereinander folgt. Ihr könnt das auch ruhig erstmal im Schritt üben, dann habt ihr mehr Zeit die Augabe korrekt auszuführen. Denkt immer dran, es geht nicht darum, irgendwie durch die Linien zu „schleudern“, das kann ja jeder. Es geht, um einen positiven Effekt zu haben, wirklich um die ganz präzise und ruhige Ausführung der Übung.

Und ich habe dann noch eine neue Augabe für euch im Kopf. Ihr müsst das aber nicht alles an einem Tag erarbeiten. Nehmt euch Zeit für jede einzelne Übung und wiederholt das Gelernte immer wieder aufs Neue, bis es 100% sitzt.

Trotzdem zeige ich euch nochmal etwas.

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Das ist eine meiner Lieblingslektionen. So hat man die Schlangenlinie durch die Bahn früher geritten. Ich bin kein Freund von den geraden Bogen, wie sie heute verlangt werden. Um immer wieder das Pferd zu stellen und zu biegen reite ich immer noch gerne die alte Version, in der das Pferd jeweils in einem S-förmigen Bogen rechts und links der Mittellinie gebogen wird. Habe ich ein Pferd mal nicht ganz so gut in der Biegung, kann ich in jeden dieser Einzelbogen auch noch eine Volte zusätzlich einarbeiten und reite erst dann im nächsten Bogen weiter. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten euer Pferd über gezielte Linienführung an die Hilfen zu reiten.

Das war dann erstmal genug Input für heute. Die, die es interessiert, können das ja gerne mal zuhause ausprobieren und die die schon weiter sind, und für die das ein Kinderspiel ist, müssen sich noch ein bisschen gedulden, dann werde ich noch weitere Aufgaben, die euren Weg begleiten können hier vorstellen. Vorher sollte ich vielleicht mein zeichnerisches Talent ein bisschen schulen.

 

2 Gedanken zu “Was heißt eigentlich…?- Ein Pferd am Zügel haben?

  1. Finnjas Welt schreibt:

    Ein sehr schöner und vor allem auch gut zu lesender Beitrag. Er führt mir sehr gut vor Augen, dass meine Reiterfahrung wirklich gering ist und wie sehr ich das Reiten vermisse.
    Es sind jetzt schon 5 Jahre her, dass ich aufgehört habe und seitdem hat sich noch keine Möglichkeit ergeben, wieder anzufangen.
    Wenn aber der Punkt kommt, an dem ich es endlich wieder tun kann, bin ich gespannt, was ich alles neues lernen werde.
    Dein Beitrag war für mich eine Art Ausblick auf das, woran man überall arbeiten kann und wie wichtig das ist. Danke dafür 🙂
    Liebe Grüße, Finnja

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