Basisarbeit- Wichtige Arbeit oder Zeitverschwendung?

Diese Frage sollte man sich eigentlich nicht stellen müssen, ist es doch für jeden Reiter selbstverständlich, dass eine gute Grundausbildung auf einem guten Fundament stehen muss und man ansonsten nur einen „schiefen Turm von Pisa“ errichtet, der zwangsläufig irgendwann ins Schwanken geraten wird. Beim einen früher, beim anderen später….

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Das gilt für die reiterliche Ausbildung genauso wie für die Ausbildung der Pferde und wird auch immer wieder von der FN propagiert. Viele Menschen besuchen die “ Besser Reiten Seminare“ von Christoph Hess, viele Reiter lauschen den Ausführungen der Alten Meister wie Klaus Balkenhol und weiteren. Aber wieviele davon nehmen das Gehörte mit nach Hause und setzen es konsequent um?

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Eigentlich ist uns allen klar, dass eine fundierte Grundausbildung der Reiter und auch der Pferde Zeit braucht. Manchmal, je nach körperlichen Voraussetzungen auch sehr viel Zeit. Diese Zeit, die man am Anfang investiert wird sich später auszahlen. Auf eine gute reiterliche Grundausbildung kann man jederzeit zurückgreifen, ebenso auf eine Grundausbildung des Pferdes. Selbst, wenn mal zwischendurch etwas schief läuft, wie Krankheit des Pferdes, oder ein längerer Ausfall des Reiters. Was man mal gelernt hat, das verlernt man nicht. Eine kurze Eingewöhnungsphase und das Gelernte und Gefestigte ist wieder da.

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Ich habe viele Reiter, die nach einer Familienpause wieder in den Reitsport einsteigen. Über die Ponygruppenkinder kommen viele Mütter auch wieder zum Reitsport und man sieht gleich, wer in jungen Jahren eine gute Ausbildung genossen hat.  Nach ein paarmal wieder Einfühlen auf dem Pferd, ein bisschen Atemtechnik und Konditon sind die Wiedereinsteiger schnell wieder im Takt und können wieder mithalten. Aber zur Ausbildung der Reiter komme ich in einem anderen Post. Heute möchte ich mal ein bisschen über die Pferdeausbildung nachdenken. Vielleicht habt ihr Lust, die Gedanken mit mir zu teilen.

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Früher galt ein Pferd sehr lange Zeit als Remonte. Den Begriff gibt es heute zwar noch, allerdings wird er kaum noch gebraucht. Deshalb habe ich hier mal aus Wikipedia den Begriff der Remonte rausgefischt und euch die Definition mal hierhin kopiert.

„Remonte (französisch für Ersatzpferd) ist eine Bezeichnung innerhalb der klassischen Reitkunst und in der Kavallerieausbildung für ein Pferd, das noch in seiner Grundausbildung ist. Es wird nochmals unterschieden in eine junge Remonte im ersten Ausbildungsjahr, das mit Longieren und Gewöhnen an das Gewicht des Reiters beginnt und Geradeausreiten sowie Zirkelreiten in allen drei Grundgangarten umfasst, und eine alte Remonte im zweiten und ggfs. dritten Ausbildungsjahr, wobei der Ausbildung die leichteren Elemente der Campagneschule hinzutreten.“ Quelle Wikipedia.
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Man sieht schon an der Zeitangabe, dass eine Remonte nicht, wie oft fälschlich angenommen nach  3 Monaten fertig ausgebildet ist, sondern dafür Jahre braucht. Wenn wir heute Pferde in Beritt bekommen ist meistens die Zeitangabe, dass wir ein vollkommen rohes Pferd innerhalb von 3 Monaten anreiten und auf A-Niveau bringen sollen. Das ist in den meisten Fällen nicht möglich und ich frage mich immer wieder, warum es denn so schnell gehen muss?

Klar, es sind Kosten damit verbunden. Man möchte ein Pferd für sich selbst zum reiten haben, nicht für den Bereiter. Man zahlt Stallmiete und Beritt ohne selbst etwas davon zu haben. Und deshalb soll es schnell gehen. Man will ja schliesslich reiten.

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Aber wenn ich mir so ein junges Pferd kaufe, warum kann ich dann nicht einfach von vorneherein einplanen, dass es länger dauern wird und mit Freude und langem Atem an die Grundausbildung gehen, wohlwissend, dass jeder Monat, der in das junge Pferd investiert wird sich nachher auszahlen wird. Im Reitvergnügen, in der Gesundheit, im Spaßfaktor und wahrscheinlich auch in den Erfolgen.

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Der falsche Weg ist, sich ein junges Pferd zu kaufen, weil es billiger ist, als ein ausgebildetes. Man muss so viele Kosten einrechnen, die einfach anfallen, wenn ich ein gut ausgebildetes Pferd haben möchte, dass man es sich reiflich überlegen sollte, ob man sich ein junges Pferd kaufen kann und will. Ein ausgebildetes Pferd kostet sicherlich eine Stange Geld, aber irgendjemand hat sich ja die Zeit genommen und in das Pferd investiert ohne sicher zu wissen, was denn aus diesem Pferd mal werden wird. In einem Pferd, das auf sicherem, nachreitbaren A-Niveau ausgebildet ist, steckt einiges an Arbeit und das sollte auch im Kaufpreis honoriert werden. Die weitere Ausbildung ist natürlich genauso zeit,-und kostenintensiv.

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Aber warum dauert es denn so lange ein Pferd auszubilden? Ganz einfach, weil wir es hier mit einem Lebewesen zu tun haben.

Nicht alle Pferde sind gebäudemäßig so, wie sie im Lehrbuch gerne beschrieben werden. Viele junge Pferde sind noch sehr unfertig und brauchen Zeit um zu reifen. Wie bei einem Kind oder Jugendlichen wachsen die  jungen Pferde manchmal in alle Himmelsrichtungen und kommen manchmal mit ihrem Körper noch nicht klar. Sachen, die schonmal gingen, gehen plötzlich nicht mehr, was oft an einem Wachstumsschub, der das Pferd aus dem Gleichgewicht bringen kann liegt. Da wird man schon immer wieder auf eine Geduldsprobe gestellt. Man muss oft einen Schritt zurückgehen und sich auf die Skala der Ausbildung besinnen, die mit TAKT und LOSGELASSENHEIT beginnt und auf der unweigerlich alles weitere aufbaut. Wenn ich mein Pferd nicht im Takt reiten kann, kann ich diesen Schritt nicht einfach überspringen. Ich muss solange daran arbeiten, bis es eben geht.

Oft kann ein Pferd, vor allem, wenn es gerade in einer Wachstumsphase ist, gar nicht im Takt gehen. Wenn das aber nicht geht, geht es auch nicht weiter. Ohne Takt wird es keine Anlehnung geben, ohne Anlehnung kommen wir nicht in den Schwung und an Geraderichten und Versammlung ist schon gleich gar nicht zu denken.

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Sind wir also in einer solchen Phase ist es einfach nur wichtig wieder am Takt zu arbeiten. Das Reiten auf großen Linien wie Zirkel, Ganze Bahn, Schlangenlinien wird wieder im Vordergrund stehen, so lange bis wir wieder das Gefühl haben, dass sich das Pferd wieder sicher ausbalancieren kann und mit seinem Körper wieder klarkommt. Auch viel Arbeit an der Longe, Ausreiten auf ebenen und unebenen Böden kann dem Pferd dabei helfen wieder zu sich selbst zu finden. Aber es dauert eben so lange wie es dauert. Wenn man sein Pferd mal genau anschaut, kann man oft sehen, wie der Körper sich verwächst und wenn man ein bisschen Kenntnis in Anatomie hat, dann ist einem oft klar, das manches gar nicht gehen kann.

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Was das Pferd in diesen Phasen überhaupt nicht braucht ist ein unerfahrener Reiter auf seinem Rücken, der selbst noch nicht ganz ausbalanciert ist und es dem Pferd damit noch schwerer macht. Ein erfahrener Reiter kann das Pferd optimal unterstützen und so wird es auch wieder in sein Gleichgewicht finden. Solche Phasen lassen sich aber nicht planen. Auch, wenn das Pferd ein paar Monate in Beritt war und eigentlich ganz ordentlich geritten ist, kann sich das alles wieder ändern, wenn sich eben der Körper verändert, was im Alter zwischen 3 und 6 Jahren praktisch dauerhaft passiert.

Ebenso ist das Zahnen nicht zu unterschätzen. Ein erfahrener Reiter wird schnell merken woran die momentanen Probleme des Pferdes liegen und wird im richtigen Maße reagieren können. Er weiss, wann es besser ist, dem Pferd mal ein paar Tage kein Gebiss ins Maul zu machen, weil gerade ein neuer Zahn durchbricht. Lässt man das Pferd dann einfach mal in Ruhe, kann man viele Folgeprobleme vermeiden, die durch mögliche Schmerzen, die durch das Zahnen entstehen, aber auf das Reiten übertragen werden, vermeiden.

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Ein erfahrener Reiter kann in der Regel auch einschätzen, woher irgendwelche Auffälligkeiten des Pferdes kommen. Oft muss man ja auch unterscheiden: Kann er nicht, oder will er nicht?

Natürlich ist es oft auch so, dass die Jungspunde irgendwann einfach Kraft bekommen und den Reiter mal testen. In dem Fall sollte sich der Reiter nicht aus dem Konzept bringen lassen und konsequent über die “ Frechheiten“ hinwegreiten, damit kein Erziehungsnotstand entsteht.  Aber es muss eben fair sein. Hat ein Pferd ein Problem, das es am Laufen hindert, kann man auch nicht drüberreiten. Ist es reine Frechheit oder auch ein Testverhalten, was bei einem Herdentier unumgänglich ist, sollte mit Sicherheit und Konsequenz gearbeitet werden. Verpasst man hier im richtigen Moment einzugreifen kann es für immer schwierig werden, dass das Pferd einen als „Chef“ akzeptiert und schnell können wir nur noch auf das Pferd reagieren aber nicht mehr agieren. Ein Bereiter, der schon viele junge Pferde ausgebildet hat, wird erkennen, welches Eingreifen seinerseits hier von Nöten ist und welches nicht. Oft kann es auch mal sein, dass man Hilfe von unten braucht, weil man alleine nicht mehr weiterkommt.
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Auch ein wichtiges Thema ist die Grunderziehung im Allgemeinen. Auch das nimmt einiges an Zeit in Anspruch. Das Pferd muss ja an viele neue Situationen gewöhnt werden, die es von der Fohlenweide nicht kennt. Meistens sind die jungen Pferde halfterführig und kennen das Ausschneiden beim Schmied und den Tierarzt. Mehr aber nicht.

Im täglichen Leben gibt es aber so viele neue Situationen, die das Pferd meistern  muss. Viele, viele „Erste Male“ kommen auf Pferd und Ausbilder zu, von denen keiner vorher weiss, wie es diese meistern wird. Das beginnt beim Verladen, geht an den ersten Ausritt, das Reiten in einer vollen Reithalle mit entgegenkommenden Pferden, die Begegnungen im Gelände mit Traktoren, Verkehr, Fußgängern, Hunden und all den Sachen, die einem draußen passieren können.  Auch das erste Aufbrennen der Eisen beim Hufschmied, das erste Satteln, der erste Kontakt mit dem Reitergewicht sind wegweisend für die Zukunft. Geht man das von Anfang an richtig an, kann man viele Probleme, die auftauchen verhindern. Man muss es nur tun.
Ich kann nur immer wieder an alle Reiter apellieren, diese Situationen nicht zu unterschätzen und sich in die Obhut eines mit Jungpferden erfahrenen Reiters zu begeben, der einem auch im täglichen Umgang zur Seite steht und mögliche Probleme schon im Vorfeld abfängt und gleichzeitig diesem Ausbilder keinen zeitlichen Druck zu machen, wie schnell alles gehen muss. Das kann keiner versprechen. Es kommt wie es kommt.
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Leider musste ich in meiner Zeit oft miterleben, wie unerfahrene Reiter vor allem aus finanziellen Gründen oder auch aus falsch verstandenem Stolz die Dinge aus dem Ruder laufen liessen und vermeidbare Probleme zu unlösbaren Problemen wurden. Ich kann nicht sagen, wie oft ich schon den Satz gehört habe. : “ Das probiere ich erstmal selbst und wenn es gar nicht geht, kann ich mir immer noch Hilfe holen“. Das ist nicht fair. Weder dem Pferd gegenüber, noch dem Reiter gegenüber, der irgendwann seine Knochen dafür hinhält, dass andere Fehler gemacht haben.

Im Großen und Ganzen wollte ich heute einfach nur darauf raus, einerseits fair zu den jungen Pferden zu sein. Sie wollen je nach Leistungsbereitschaft  gefordert und gefördert  werden. Man sollte immer das Gefühl dafür haben, was im Moment gerade richtig ist und zum gegebenen Zeitpunkt auch mal eine Pause machen können. Egal, ob gerade ein Turnierstart geplant ist oder nicht. Das Pferd gibt das Tempo vor, der Reiter passt sich an. Das heißt jetzt nicht, dass ein vierjähriger nicht A-fertig sein darf oder keine Springpferdeprüfung gehen soll. Wenn er das mitmacht ist doch gut, dann kann er das auch tun. Viele wollen ja auch gefordert werden und brauchen das. Trotzdem sollte man immer bereit sein ein bisschen in sein Pferd hineinzufühlen, das Pensum dem momentanen Zustand anzupassen ohne das Pferd zu verweichlichen. Es kann auch genauso sein, dass ein fünfjähriger noch lange nicht auf dem Niveau seines jüngern Kumpels ist und für alles etwas länger braucht. Auch das ist ok und sollte vom Reiter und Besitzer beachtet werden.

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Abschliessend kann ich nur hoffen, dass so viele Reiter wie möglich  ihren Pferden eine breitgefächerte Grundausbildung ermöglichen,  auch ein angehendes Dressurpferd sollte man im Gelände die Seele baumeln lassen dürfen oder mal bunte Stangen sehen und damit umgehen können. Für ein Springpferd ist eine solide Dressur-Grundausbildung sowieso unumgänglich und auch ein Freizeitpferd sollte eine gute Grundausbildung genossen haben, ganz einfach aus dem Grund der Gymnastizierung, des Muskelaufbaus, der am Ende das ganze Skelett stabil und das Pferd gesund erhält und natürlich auch der Sicherheit und des Spaßfaktors ein durchlässiges, gut gerittenes Pferd im Gelände zu reiten.

Ganz wichtig ist für mich auch die Grundausbildung im Umgang mit dem Pferd. Ein Pferd, das den Menschen als Alphatier akzeptiert, beim Putzen stillstehen kann, beim Schmied umgänglich ist, sich verladen lässt, mit dem man spazieren gehen kann usw. macht im täglichen Umgang sehr viel mehr Spaß, als eines, das nie gelernt hat sich dem Menschen unterzuordenen.

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6 Gedanken zu “Basisarbeit- Wichtige Arbeit oder Zeitverschwendung?

  1. teamkaupp schreibt:

    Vielen Dank für dein nettes Feedback. Ja, der Blog lag mir auch auf der Seele, muss ich mich doch immer wieder rechtfertigen, weil manche Sachen zu schnell oder zu langsam gehen. jeder hat sein eigenes Tempo und das sollte man akzeptieren

  2. Bettina schreibt:

    Vielen Dank! Dieser Artikel sprich mir aus der Seele. Jedes Pferd hat ein anderes Tempo und jedes eine andere Vorgeschichte. Wir bilden derzeit ein (nun offiziell 5 jähriges; er ist von Mitte Mai, für mich wird er also auch erst im Mai 5) deutsches Reitpony aus. Da er im November als „gut angeritten“ zu uns kam – nicht mehr und nicht weniger – ließen wir ihm Zeit für die Eingewöhnung und fingen dann erst langsam an. Das Pony musste noch deutlich Muskeln aufbauen – da kann man einfach nicht sagen: „andere in dem Alter…“ Ist eben nicht so. Nun ist er also seit gut 4 Monaten bei uns, baut brav Muskelmasse auf, macht sich bei allem ganz toll und bereitet allen Beteiligten Spaß, vielleicht auch, weil wir uns nicht hetzen lassen.
    Also: Vielen Dank nochmal! Der Beitrag hat mich in unserem Tun bestätigt!

  3. Tamara schreibt:

    Ein schöner Bericht. Ich hab mein Pferd 5-jährig gekauft – mein erstes „junges“ Pferd. Sie war mit 5 auf dem Stand einer vierjährigen, da sie zwischenzeitlich nur auf der Koppel stand. Ich bilde sie allein aus, mit viel Unterstützung und Reitunterricht. Sie ist ein sehr zuverlässiges Pferd und hat mir dann sechsjährig bereits Klassierungen in der A-Dressur geschenkt. Als ich dann, sie war gerade erst sechs geworden, auf nem Dressurlehrgang bei einem renommierten deutschen Trainer war und die Galopp-Schritt-Übergänge nicht einwandfrei klappten, hab ich ein „jetz komm da mal durch, andere Pferde laufen mit 6 M-Dressur“ kassiert. Nun, dem konnte ich auch nur noch den Vogel zeigen – schön wenn das manche sechsjährige können, aber für den Freizeitsportler gibt’s doch echt wichtigere Ziele als die elende Lektionenbüffelei….

  4. Catherine Reusch schreibt:

    Gut geschrieben!
    Mit viel Geduld, Zeit und professioneller Hilfe wird dann aus der Remonte hoffentlich ein tolles Reitpferd/Pony❤

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