Das Jahr nach dem Unfall #backtobusiness

Wie es zu meinem Unfall und dessen Folgen kam, konnte man ja im letzten Blog nachlesen. Ich habe das vor allem auch aufgeschrieben, da bis heute noch falsche Gerüchte kursieren, was denn eigentlich passiert ist und warum. Deshalb habe ich beschlossen, es selbst aufzuschreiben und wer sicher sein will, dass er das Richtige weiß, ist hier richtig.

 

Entgegen des Gedankens nun Ewigkeiten im Krankenhaus verbringen zu müssen, ist die heutige Medizin schon wieder so weit, dass ich am 4. Tag schon nach Hause durfte. Zusammengeschraubt und getackert mit einer recht eigenwilligen Frisur war ich dann also an Sylvester wieder zuhause und das neue Jahr konnte starten.

Die Nachbarn waren sehr erstaunt, als sie mich das Treppenhaus auf und ablaufen sahen. Aber sie gewöhnten sich schnell daran. Ich konnte nicht lang liegen, nicht lang laufen und schon gar nicht sitzen. Die Nächte waren am schlimmsten, weil man einfach todmüde ist, aber vor Schmerzen auch nicht schlafen kann. So blieb mir nichts anderes übrig, als mal hinzuliegen, mal durchs Treppenhaus zu tigern, wieder hinzuliegen und mich ein bisschen mit dem Auto rumfahren lassen. Natürlich gehen einem in den ersten Wochen auch viele Sachen durch den Kopf im Bezug auf die Zukunft. So gar  nicht zu wissen, wie es weitergehen wird, macht einen nicht gerade entspannter. Ich habe auch gelernt, dass man sich auf seine Versicherungen, an die man im Schadensfall fest glaubt, nicht verlassen sollte. Da hat man noch einen großen Kampf auszustehen, den man eigentlich nicht haben möchte, wenn es einem sowieso schon schlecht geht.

Nach vier Wochen ging es mir dann aber schon etwas besser. Ich konnte schön länger als ein paar Minuten auf den Füßen sein, ich konnte langsam wieder schlafen und die Zeit, die ich die Halskrause noch tragen musste war absehbar.  So begann ich zuhause schon wieder im Minutentakt etwas zu werkeln und war froh, wenn ich eine kleine Aufgabe wie Staubsaugen wieder geschafft hatte. In kleinen Schritten ging es vorwärts.

Nach sechs Wochen durfte ich die Halskrause abnehmen und versuchte mich wieder ein bisschen unter die Leute zu bringen. Nina hatte inzwischen den Füherschein und wir konnten schon gemeinsam in den Stall fahren, so dass ich wenigstens ein bisschen aus dem Haus kam. Länger als ein bis zwei Stunden konnte ich aber noch nicht auf den Beinen sein. Es war immer noch ein ständiger Wechsel aus liegen und laufen, an sitzen war noch nicht zu denken.

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Nach 10 Wochen – für mich eine Ewigkeit- durfte ich anfangen mit Krankengymnastik. Mein Therapeut konnte aber gar nicht viel mit mir machen. Die Muskulatur war so verspannt und verhärtet, dass eigentlich nur Massage und Fango möglich war. Er traute sich gar nicht mich zu bewegen. Selbst die kleinsten Gymnastikübungen waren schwer und ich merkte auch, dass ich ein ordentliches Koordinationsproblem hatte, das mir bis heute geblieben ist. Meine Augen sahen irgendwas, meine Arme machten was ganz anderes. Noch heute kann es sein, dass ich z.B. einen Schlüssel aufheben will und einfach danebenfasse, oder einfach alles, was ich nehmen will erstmal runterfällt, weil ich das Gefühl habe, es in der Hand zu habe, aber das Gefühl trügt. Es ist also alles, was ich mache mit höchster Konzentration verbunden.

 

So wirklich aufwärts ging es dann erst Ende März. Nach einer weiteren Untersuchung im Krankenhaus wusste ich:  Das sieht alles ganz gut aus, heilt schön und es wird keine zweite Operation notwendig sein, die bisher immer noch im Raum stand. Das entspannte mich ein bisschen. Der Arzt erlaubte mir, mich wieder mehr zu bewegen und ich durfte sogar wieder im Schritt aufs Pferd sitzen. Die Reha wurde beantragt und für mich war das so ein Schritt nach vorne, der mit echt Mut machte.

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Das erste Mal wieder auf dem Pferd – eine Überwindung-  das Aufsteigen war ein Abenteuer, aber mein guter Calle war ganz vorsichtig mit mir. Auf dem Pferd merkte ich noch deutlicher, dass ich den Kopf nicht hochbekomme. Klar ist mir das beim Laufen schon aufgefallen und ich lief viel im Holhlkreuz um das auszugleichen, aber erst als ich den Helm aufhatte und nicht unter dem Schild vorschauen konnte, also praktisch gar nicht so wo ich hinreite, fiel es mir so richtig auf. Das musste ich ändern.
Ich merkte aber auch, dass das Schritt reiten genau das war, was ich brauchte um meine Muskulatur wieder locker zu bekommen. Ich versuchte sooft wie möglich wenigstens ein paar Minuten auf Calle zu sitzen, dann ging es mir ein paar Stunden recht gut, bevor sich alles wieder zusammenzog. Bin ich einen Tag nicht draufgesessen, merkte ich es sofort.

Mein Calle war aber auch echt ein Schätzchen. Er hätte nicht stolpern dürfen, keine blöde Bewegung machen und musste absolut stillstehen, bis Mutti hochgekrabbelt ist. Er hat das toll gemacht.

Im Mai endlich ging es dann zur Reha die ich ambulant machen konnte. 5 Wochen lang arbeiteten wir an Geräten, machten Wirbelsäulengymnastik, Fango, Einzelkrankengymnastik uvm. und ich merkte, wie es langsam wieder aufwärts ging. Ich lernte, meinen Körper wieder ins Gleichgewicht zu bringen, die Rücken,-und Bauchmuskulatur zu stabilisieren, damit meine Körperhaltung wieder besser wird.  Es war immer noch so, dass ich ein paar Stunden am Tag echt fit war, aber zum Abend hin wurde der Kopf echt schwer und ich brauchte zwischendurch immer viele Pausen, in denen ich einfach mal flach liegen musste. Falls sich jemand in dieser Zeit über mich wunderte, ich konnte immer noch nicht längere Zeit aufrecht sitzen, musste mich immer irgendwo anlehnen oder so halb im Liegesitz sein, bzw. immer wieder aufzustehen und zu laufen.

 

Nach der Reha, ab Anfang Juni durfte ich beginnen mehr zu reiten. Ich konnte brave Pferde schon wieder traben und galoppieren und setzte mich, sooft möglich wieder drauf. Natürlich nur auf absolut ausgewählte Pferde. Ein weiterer Sturz wäre  nicht gut gewesen. Aber Calle und Benny waren meine ersten Therapiepferde auf denen ich keine Angst haben musste, dass sie irgendwas blödes machen oder über ihre eigenen Füße fallen. So ging es langsam aufwärts und ich wurde mit der Zeit mutiger und traute mich immer mehr verschiedene Pferde zu reiten. Das klingt ganz gut, aber einige Sachen waren immer noch zu beachten:
Ich kann bis heute nicht in einer vollen Halle reiten, da ich nicht sehen kann, was neben oder hinter mir kommt und deshalb auch nicht reagieren oder ausweichen könnte.

Ich kann keine Pferde reiten, die stolpern oder bocken, da ich die Bewegung noch nicht abfangen könnte.

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Einige Berittpferde musste ich ablehnen und werde sie auch in Zukunft ablehnen müssen. Ich werde wohl nicht mehr auf Pferden zu finden sein, die unberechenbar sind und werde wohl zu keinem Besitzer mehr sagen können:“ Lass mich mal machen“ wenn einer blöd tut. Das kann ich mir nicht mehr leisten. Die Ärzte haben mir schon klargemacht, dass die Wirbel nun für immer eine Sollbruchstelle bleiben werden und ein weiterer Sturz unschön enden könnte.

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So muss ich für mich selbst immer abwägen, welches Risiko ich eingehe und welches mir zu heikel ist. Zum Glück gibt es genügend brave Pferde auf der Welt und genug junge (Be)reiter, die sich mit den anderen beschäftigen können. Ich bin da mal raus.

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In der Zeit habe ich eingesehen, dass ich mich beruflich verändern muss. Ganz aufzugeben, wie es die Ärzte in der Reha forderten kam für mich nicht in Frage. Ich kann immer noch Unterricht geben, vorausgesetzt, ich  muss nicht dauerhaft in der Halle stehen. Aber mit unserem Funksystem kann ich ausserhalb des Platzes sitzen und unterrichten. Ein paar Stunden, wie z.B. bei der Ponygruppe bin ich nun schon in der Halle zu finden, danach geht es wieder für eine Weile auf die Bande.

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In der Zeit, in der ich nicht machen konnte was ich wollte, habe ich angefangen zu fotografieren. So bin ich immer beschäftigt und das brauche ich auch. Das Gefühl unnütz zu sein ist nichts für mich. Aus der Fotografie entstand dann auch dieser Blog hier. Ich hatte so viele Fotos zur Verfügung, die ich nicht einfach nur für mich behalten wollte, sondern fing an diese hier im Blog zu verarbeiten. Das positive Feedback zeigte mir, dass es hier ganz gut ankommt und so drehen sich inzwischen viele Gedanken um den Blog hier, um neue Fotoideen und Umsetzungsmöglichkeiten.  Das ist gut für mich, gibt mir eine Aufgabe und wenn ihr auch noch Spaß daran habt, umso besser.

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In der Zeit von Juni bis jetzt konnte man aber gesundheitlich schon deutliche Fortschritte sehen. Klar muss ich mich von Menschen, die mich nicht kennen, fragen lassen, warum ich so steif bin, es fällt also schon noch auf. Auch auf Fotos sehe ich immer wieder, dass meine Körperhaltung immer noch etwa krumm ist, aber das ist bedingt durch die Verschraubung.

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Man sieht mich wieder mehr auf dem Pferde sitzen, sogar die ersten kleine Sprünge habe ich mit meiner Ginny und Calle, denen ich 100% vertraue schon wieder gemacht, auch wenn ich immer noch nicht sehe, wo ich hinreite.  Aber jetzt scheint das alles ein Ende zu nehmen.

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Nach 10,5 Monaten wird das Metall entfernt und dann kann ich im wahrsten Sinne des Wortes wieder nach vorne schauen. Wer mich kennt, weiss, dass ich  mich nicht unterkriegen lasse. Ich habe Pläne für nächstes Jahr und mein Ziel ist meine Berittpferde selbst wieder springen zu können und mir auch in der nächsten Turniersaison zu beweisen, dass ich es wieder kann- und wenn es nur ein A-Springen sein sollte. Ich will das wieder schaffen und das kann ich auch. Und ich will endlich wieder mit Nina ausreiten gehen, so wie wir es früher getan haben. Die Ausritte mit mir waren dieses Jahr nicht wirlich spannend, da ich ja nicht das Tempo reiten konnte, das unsere Pferde für ein ordentliches Konditionstraining gebraucht hätten. Aber ich hoffe, dass das näschtes Frühjahr wieder geht.

Wie wird es weitergehen?

Jetzt kommt erstmal das Metall raus. Natürlich birgt diese weitere Operation Risiken, aber ich habe volles Vertrauen in die Ärtze vom Katharienenhospital, die ja schon im Dezember eine tolle Arbeit geleistet haben. Die werden das schon machen.

Dann gibt es für mich rund zwei Wochen komplett Pause, bis die Fäden gezogen sind und dann sieht man weiter. Ich plane momentan nicht für die Zeit nach der OP werde aber natürlich versuchen, so schnell wie möglich wieder auf den Beinen zu sein. Ob das alles klappt wie ich es mir vorstelle, wird man sehen. Der Ehrgeiz ist jedenfalls da.

Das ist mein Ziel für nächstes Jahr. Irgendwann soll das wieder so aussehen

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und nicht mehr so

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Aber wie sagte schon Bob der Baumeister:

JO, WIR SCHAFFEN DAS !

 

 

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13 Gedanken zu “Das Jahr nach dem Unfall #backtobusiness

  1. Andrea Richter schreibt:

    Ich hab Ende November in der BGU in Tübingen Termin zur Kontrolle. Dann sind es sechs Monate. Hoffe dass alles gut aussieht und der Fixateur dann bald raus kann

  2. Christine schreibt:

    Ich wünsche dir auf jeden Fall nur das allerbeste und dass du deine Ziele erreichen wirst! Toll, dass du dich nicht unterkriegen lässt 👍🏼

  3. Andrea Richter schreibt:

    Liebe Silke,
    ich drück dir für die OP die Daumen!
    Hoffentlich geht es mit der Genesung danach auch voll schnell und du bist bald wieder 100%ig fit!
    LG Andy

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