Sperrriemen- Diskussion

Heute wurde ich gefragt, ob ich mal einen Post zum Thema Sperrriemen machen kann. Schon das Wort sieht mit drei „r“ komisch aus und ich habe mich gewundert, wofür das denn gut sein soll?

Aber da ich heute ein bisschen Zeit hatte, kam ich auch übers Facebook auf einen Post über Sperrriemen, da wurden weitere Post verlinkt und ich verstand erstmal warum man über so ein Riemchen eigentlich diskutieren kann.

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Hat ja einen ganz schön schlechten Ruf, das kleine Kerlchen. Ich muss euch ehrlich sagen, ich kätte keinen Bedarf für einen Blog darüber gesehen, aber es hat mich den ganzen Mittag nicht mehr losgelassen, also gebe ich halt auch meinen Senf dazu, obwohl ich ja schonmal einen Blogpost in der Art geschrieben habe.

Also habe ich mich heute informiert und bin darauf gestoßen, warum es diesen Riemen überhaupt gibt. Das stammt wohl aus Militärzeiten, wo der Riemen das Öffnen des Pferdemauls und damit den Bruch des Unterkiefers  im Falle eines Sturzes verhindern sollte. Ok. das wusste ich bisher nicht, aber hat ja für uns heute auch keine Bedeutung mehr. – hoffentlich

Ein bisschen verwundert bin ich trotzdem, dachte ich doch, das Englisch Kombinierte Reithalfter wäre eine neuere Erfindung. Schaut man alte Bilder an, so waren doch die meisten Pferde mit einem Hannoverschem Reithalfter gezäumt.

Nun mal zu meiner persönlichen Einstellung zum Sperrriemen, den ich  eigentlich immer als Kinnriemen bezeichne, weil er für mich nicht die Funktion des Sperrens erfüllt. Kinnriemen hört sich doch gleich mal freundlicher an. Wenn ein Pferd wirklich das Maul aufsperren will. kann man das dauerhaft auch nicht mit einem Riemen verhindern.

Wir haben ja verschiedene Trensen. Wir machen uns sehr viele Gedanken darüber wie wir unsere Pferde zum zufriedenen Mitarbeiten bringen können und schon allein deshalb gehört ein festgezurrter Riemen nicht zu unseren Methoden. Nun wird hier aber immer wieder gefordert den Sperrriemen ganz abzuschaffen, was ich so nicht unterschreiben kann.

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Grundsätzlich geht man natürlich immer von einer korrekt verschnallten Trense aus. Das heißt, beim kombinierten Reithalfter liegt das Gebiss mit 2-3 Falten im Maulwinkel im Maul, steht rechts und links ca. 0,5 cm über und passt einfach zum Pferdemaul. Der Nasenriemen liegt knapp unter dem Jochbein, die Riemen die dahin führen liegen ebenfalls unterhalb des Jochbeins. Es ist darauf zu achten, dass sie nicht aufs Jochbein drücken oder zu nah am Auge liegen. Der Nasenriemen wird mit 2 Fingern Luft verschnallt, ebenso der Kinnriemen. Wieso jetzt gerade der Fokus auf dem „bösen “ Kinnriemen liegt ist mir immer noch nicht klar, da jegliche falsche Verschnallung der Trense zu Unwohlsein beim Pferd führt, und eben nicht nur die, des Kinnriemens.

Soweit die normale Verschnallung eines kombnierten Reithalfters. Damit gehen unsere Pferde und wir fügen ihnen so keine Schmerzen zu, das wollen wir ja auch gar nicht.

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So sieht eine korrekt verschnallte Trense aus. Ich glaube nicht, dass Danny Sahne hier den Eindruck erweckt, irgendwo einen Druck oder Schmerz zu haben. Wie man sieht kann sie mit dem Riemen auch noch Gras fressen ohne damit kämpfen zu müssen. Die Kautätigkleit wird also nicht unterbunden.

Nun die Frage , warum wir den Kinnriemen nicht einfach weglassen. Weil wir es nicht für notwendig halten. Er tut doch keinem was. Für uns ist es wichtig zufrieden kauende Pferde zu haben. Wer mir mal im Unterricht zugehört hat wird bestätigen können, dass ich die Kautätigkeit des Pferdes immer wieder fordere und lobe, wenn es denn so ist. Der Kinnriemen ist also so verschnallt, dass er die Kautätigkeit zulässt. Nichtsdestotrotz bin ich mir im Klaren darüber, dass – mit Ausnahme  von Ginny Gibson, die sowieso am liebsten nur mit Halsring gehen würde- die meisten Pferde nicht von ganz alleine abkauen. Das wäre ja schön, ist aber in der Praxis eben nicht so.

Um ein vernünftiges Kauen zu erreichen, brauche ich ein Pferd, das mir zuhört. Würde ich beispielsweise Mr. Knister ohne diese leichte Begrenzung reiten, die ihn einfach daran erinnert, das Maul ruhig zu halten, wäre er die ganze Zeit damit beschäftigt, völlig übertrieben zu kauen und dauerhaft mit dem Gebiss zu spielen. Ein konzentriertes Arbeiten wäre mit ihm nicht mehr möglich. Er hätte soviel Spaß daran, das Gebiss im Maul hin und herzukauen, dass ein Zungenfehler vorprogrammiert wäre.  Das muss man ja nicht provozieren. Der Kinnriemen gibt ihm eine ruhige Lage des Gebisses im Maul vor und er kann sich auf das Wesentliche konzentrieren, nämlich die Kommunikation zwischen Reiter und Pferd und nicht der Spielerei mit dem Gebiss. Und wie gesagt: Begrenzung durch einen korrekt verschnallten Riemen hat nichts mit dem Zuschnüren des Riemens zu tun. Im Gegenteil. Würde ich das tun, würde ich einen punktuellen Schmerz auslösen. Ich hätte den gegenteiligen Effekt wie den, den ich haben möchte. Das Pferd würde sich nur noch auf den Schmerz konzentrieren und mir auch wieder nicht mehr zuhören, was ja verständlich ist. Wenn uns irgendwas drückt, versuchen wir ja auch das zu ändern oder wenn wir es nicht ändern können, konzentrieren wir uns nur noch auf diesen Punkt. Also sind beide Varianten sinnlos. Ein zu fest verschnallter Riemen ebenso wie ein fehlender.

Aber auch hier wieder mein Gedanke: Ist das nicht mit allem so?  Ein zu fest gezurrter Sattelgurt, ein zu enger oder unpassender Sattel, eine grundsätzlich falsch verschnallte Trense, ein nicht im Gleichgewicht sitzender Reiter, all das sind doch Faktoren, die das Pferd negativ beeinflussen und daran hindern sich wohl zu fühlen und vernünftige Leistung zu bringen. Warum gehen also alle auf diesen einen Riemen los?

Sperr,- Kinnriemen gibt es ja nun auch noch bei anderen Reithalftern. Beim Hannoverschen zum Beispiel .  Dieses Reithalfter ist allerdings ein bisschen aus der Mode gekommen. Jedenfalls sieht man es kaum noch. Bei diesem sehe ich auch die größte Gefahr es aus Unwissen oder mit Absicht (?) falsch zu verschnallen. Ein gut sitzendes hannoversches zu finden ist aber auch gar nicht so einfach.

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Das hannoversche liegt ja drei Finger breit über dem oberen Nüstenrand. In diesem Bereich fängt aber schon der bewegliche Teil des Nasenrückenknochens des Pferdes an. Verschnallt man es zu tief oder sogar zu tief und zu fest, kommt man in den Bereich in dem der Knochen beweglich ist und es besteht die Gefahr diesen zu brechen. Ich glaube nicht, dass das irgendjemand von uns will. Allerdings wirken vom Pferd schon gewaltige Kräfte aus und wenn ein Pferd so richtig dagegen geht, dann muss ja irgendwas nachgeben. Entweder das Reithalfter oder das Nasenbein. Aus diesem Aspekt ist es für mich  nicht vertretbar beispielsweise zur Korrektur von Zungenfehlern dieses Reithalfter zu verwenden und zuzuschnüren. Ich glaube auch nicht daran, dass man mit Reithalftern Probleme lösen kann. Bekanntlich erzeugt man mit Druck Gegendruck und man sollte versuchen Probleme anders zu lösen. Eine Alternative wäre eine Zäumung zu finden, mit der sich das Pfed wohler fühlt.

Wir haben zum Beispiel bei Calle auf das Micklem umgestellt. Aber nicht, weil er  ein Problem hat und wir das damit lösen wollen, sondern weil wir gemerkt hatten, dass er sich biem Springen wohler fühlt, und da hat er ja das Mexikanische drin. Für das Mexikanische hatten wir uns im Springen und im Gelände entschieden, weil die Riemen anders laufen und dem Pferd noch mehr Nüsternfreiheit gewähren als das Kombinierte. Wenn das Pferd auf einer langen Galoppstrecke geht, bläht es einfach naturgemäß die Nüstern mehr auf und das wollten wir unterstützen. Ohne Kinnriemen zu reiten war für uns keine Alternative, da wir gerade am Sprung gerne Konzentration und Kontrolle haben und eine Hilfe auch mal schnell durchkommen muss, sonst wird es gefährlich für Reiter und Pferd. Wenn man nochmal aufnehmen muss, und Druck aufs Gebiss kommt, öffnet das Pferd automatisch das Maul . Wenn ich dann erst warten muss, bis das Maul wieder zu ist und das Pferd zuhört, liegt das Pferd-Reiter-Paar im Zweifel schon auf der Nase.

So haben wir uns dann mal das Micklem angeschaut, weil wir grundsätzlich neuen Sachen aufgeschlossen gegenüber stehen und gerne bereit sind neue Sachen zu probieren. Ob sie es in unseren Zubehörpool schaffen oder nicht sieht man dann. Das Micklem ist von der Verschnallungsart dem Mexikanischen am ähnlichsten. Es begrenzt das Pferd relativ weit  oben knapp unter der Ganasche und unter dem Kinn. Der obere Nasenriemen liegt aber sehr weit oben, so dass er nicht den empfindlichen Nasenrücken quetschen kann.Zudem wird auch das Micklem nur locker verschnallt. Calle fand es jedenfalls gut. Er ist seitdem er damit geht deutlich zufriedener im Maul und legt sich nicht mehr so sehr aufs das Gebiss.

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Calle mit dem Micklem in der Dressur. Er trägt den Kopf und Hals selbst, man sieht den Zügel locker anstehen. Da Maul ist leicht geöffnet, er kaut  und hat Schaum vor dem Maul .

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Ginny Gibson mit der Mexikanischen Trense

Und so werden unsere Pferde auch zukünftig mit Sperrriemen und ohne schlechtes Gewissen geritten.

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2 Gedanken zu “Sperrriemen- Diskussion

  1. teamkaupp schreibt:

    Danke für das ausführliche Feedback. So halte ich es auch. Ich probiere gerne Sachen aus und was am Besten funktioniert, das mache ich dann,wobei auch das dann nicht für immer so sein muss. Wenn ich merke etwas, was lange funktioniert hat ist jetzt gerade nicht mehr so gut, dann probiere ich auch mal wieder etwas anderes

  2. Fräulein_ich schreibt:

    Ach diese ewigen Sperrriemen Auseinandersetzungen immer. Liest man viel. Die meisten haben allerdings, mich eingeschlossen, keine Ahnung was der Riemen eigentlich macht. Meistens kauft man die Trense, und das Teil ist einfach schon mit dran *lach*.

    Zu Millitärischen Zwecken benötigen wir ihn wohl tatsächlich nicht mehr :). Die Sache mit dem im Maul rum schieben, vom Gebiss, klingt für mich am plausibelsten. Muss zugeben, dass du einen sehr guten Beitrag dazu verfasst hast. Ich muss nämlich ehrlich sagen, dass man mir immer nur gesagt hat „der is da damit das Pferd das Maul nicht so weit aufsperrt.“ Was meine Logik dann immer nie so recht kapiert hat, weil das Pferd ja so reagiert, wenn es entsprechend versucht sich einem bestimmten Druck zu entziehen.

    So viel zu dem einen ^^. Ich persönlich halte mich bei solchen Disskussionen meistens raus. Weil ich einfach keine Ahnung habe, was das entspricht. Ich bin immer der Meinung, wie du, alles was zu Eng ist, ist schlecht. Ein Sperrriemen locker verschnallt, lässt ja irgendwo doch den Spielraum zum kauen, zu Eng bringts eigentlich nichts. Wie alles andere das zu Eng verschnallt oder draufgeworfen wird.

    Bei meinem eigenen Pferd musste ich ein wenig ausprobieren. Gebisslos funktioniert z.B. ganz gut. Nur ist ein Knotenhalfter, meiner Meinung nach, nicht wirklich optimal für Biegung, Stellung etc. zum im Gelände rumbummeln geht’s dann schon. Vor ein paar Monaten lief es bei mir dann, was die Trense anbelangt, darauf hinaus, dass sowohl Sperrriemen als auch Nasenriemen ausgebaut wurden, weil ich mal wiessen wollte wie es dann funktioniert. Hatte Madam immer ein wenig ein Problem mit ihrer Trense. Inzwischen reite ich immer noch so, und musste für meinen Teil feststellen, dass es so richtig gut klappt. Sie da ist wo ich sie haben will usw. sie von vornherein schön kaut, was sie vorher immer eher wenig gemacht hat. Entsprechend bin ich der Meinung, man muss es ein wenig vom Pferd abhängig machen. Und die ganze Kiste aufs Pferd anpassen, wie alles andere auch. Man muss sich nur trauen auch mal zu probieren und nicht die Meinung vertreten „Das wurde schon immer so gemacht, deshalb mach ich das auch so und ausserdem war das alles ja schon an der Trense dran, dann muss man das auch gefälligst benutzen.“

    So jetzt habe ich einen halben Roman geschrieben ^^ hätte man schon fast einen Artikel draus machen können :).

    Ich wünsch dir was! Und danke nochmal für den Tollen Beitrag 🙂

    Liebe Grüße

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