Rollkur – was ist das eigentlich ?

Wenn man sich so durch die sozialen Netzwerke liest, sieht man viele Fotos, die die Reiter selbst gepostet haben.

Immer wieder liest man unter Fotos und Videos den Kommentar: „Ihr sollt nicht in Rollkur reiten, ihr schadet den Pferden.“

Schaut man das Foto/ Video an, schüttelt man den Kopf und wundert sich, wo hier denn nun Rollkur zu sehen sein soll?

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Aber was ist denn eigentlich Rollkur?

In Wikipedia kann man die Definition von Rollkur/ Hyperflexion nachlesen:

Mit dem Begriff Rollkur (auch Hyperflexion) wird beim Dressurreiten, Springreiten oder Westernreiten eine Trainingsmethode bezeichnet, die durch ein gewolltes Herabziehen des Pferdekopfes mit Hilfe der Zügel in Richtung Brust gekennzeichnet ist. Das Pferd „beißt“ sich in die Brust. Vertreter der klassischen Reiterei lehnen die Methode ab. Es wird außerdem diskutiert, ob sich die Rollkur schädigend auf das Pferd auswirkt (Quelle: Wikipedia).

Michael Düe, ein Tierarzt der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN), sagt: „Hyperflexion ist die exzessive Beugung eines oder mehrerer Gelenke, die dazu geeignet ist, Verletzungen herbeizuführen“. Der Bewegungsablauf des Tieres wird möglicherweise nachhaltig gestört. Weiterhin beeinträchtigt die Haltung die Atmung, die Durchblutung, die Halswirbelsäule und die Orientierung. Die Ganaschen werden eingeengt, es können sich so genannte Genickbeulen bilden und Halsmuskel können möglicherweise überdehnt werden. (Quelle: Wikipedia)

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Hyperflexion-Rollkur Quelle: wikipedia

Das war der wissenschaftliche und offizielle Teil. Jetzt versuche ich das Thema mal in meine eigenen Worte zu verpacken.
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Es gibt zwar viele wissenschaftliche Abhandlungen und viele Artikel im Internet zum Thema Rollkur, da könnte man ganz einfach mal nachlesen, bevor man andere Leute im Internet beschimpft, aber das scheint ja wohl nicht zu passieren.

Ich glaube, kein Reiter würde freiwillig ein Foto/ Video posten, in dem er sein Pferd in Rollkur reitet.

Rollkur ist eine – in Regel durch mechanische Hilfsmittel wie Kandare, Schlaufzügel, Ausbinder – erzwungene Haltung in der dem Pferd der Kopf auf die Brust gezogen wird. Dem Pferd werden dadurch Schmerzen zugefügt, da sich die Muskulatur übers normale Maß hinaus dehnen muss und in eine unnatürliche Haltung gezwängt wird, aus der sich das Pferd nicht befreien kann. Zudem sieht das Pferd, nicht mehr wo es hinäuft, da das Gesichtsfeld eingeschränkt wird.

In vielen der Videos, die in letzter Zeit im Netz zu finden waren, sieht man Pferde mit spielenden Ohren, wachen Augen, pendelndem Schweif und schwingendem Rücken, die vielleicht nicht ganz eine Handbreit vor der Senkrechten sind, aber trotzdem weit entfernt von jeglicher Zwangshaltung. Einem Pferd, dass in Zwangshaltung geritten wird, sieht man die Schmerzen deutlich an, es wird kaum mit einem freundlichen Blick und spielenden Ohren durch die Welt laufen.

Auch wir haben schon Bilder gepostet, die sofort kommentiert wurden. Bei uns wurde garantiert noch nie ein Pferd in Rollkur geritten. Reiter wie wir, mit nichtmal 60 kg Gewicht, wären wohl auch kaum in der Lage, ein Pferd wie z.B. Calle ohne mechanische Hilfsmittel dauerhaft in diese Zwangshaltung zu bringen. (Wenn der seinen Kopf hochnehmen will, dann tut er das.Wenn er ihn runternehmen will, aber auch.)  Aber durchaus sind unsere Pferde im Hals beweglich und bewegen sich daher auch mal etwas mehr nach unten, nach hinten oder auch mal nach oben. Alles aber im normalen Bereich. Kein Pferd wird dauerhaft in derselben Haltung gehen, dann wäre es nämlich  ziemlich steif. Ich versuche das hier mal anhand von ein paar Fotos unseres gestrigen Dressurtrainings mit Calle zu zeigen. Auf dem oberen Bild sieht man ihn übrigens direkt nach der Arbeit im Schritt am langen Zügel, zufrieden und losgelassen schreitend.

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Calle in der Lösungsphase – leichttraben – tief eingestellt und zufrieden

Bild 1 würden manche schon wieder zerreißen, hier sieht man deutlich die Phasen. Auf Bild 1 sieht er etwas eng aus, während er auf Bild 2, einen Tick später in nahezu optimaler Haltung ist.

Jetzt sind Fotos natürlich auch immer Momentaufnahmen. Im Galopp z.B. haben wir ja verschiedene Phasen. Nur, weil ein Pferd in einer Phase in der Einbeinstütze vorne ist, läuft es noch lange nicht auf der Vorhand, die nächste Phase zeigt es dann ja wieder in Normalhaltung. Aber Bewegung ist halt immer drin. So mag es auf manchen Fotos auch aussehen, als ob es hinter der Senkrechten wäre, nur weil es vielleicht gerade mal den Koppf bewegt, manchmal scheint es auch, also ob der Reiter mit dem Oberkörper hinter der Senkrechten wäre, in der nächsten Phase schon wieder nicht mehr. Ja, Reiten ist Bewegung und wenn man Fotos mal im Serienbild anschaut, dann kann man das ein bisschen nachvollziehen.

Hier zwei aufeinanderfolgende Phasen im Galopp. In einer sieht er etwas tief aus, in der nächsten schon nicht mehr.

Da viele nicht mehr zwischen Gymnastizierung/ natürlicher Bewegung des Pferdes und einer Zwanghaltung unterscheiden können, versuche ich das Thema mal in meine eigenen Worte zu fassen.

Als erstes sollte man wissen und verstehen, dass nicht jedes Pferd anatomisch gleich ist. Es wäre schön, wenn alle Pferde einen Körperbau wie aus dem Lehrbuch hätten mit gut angesetztem Hals, nach oben gewölbter Oberlinie, gut bemuskeltem und angelegtem Rücken – nicht zu lang und nicht zu kurz -, einer leicht nach hinten abfallenden Kruppe und einem perfekt gewinkeltem Hinterbein.

Das ist aber wohl in 80% der Fälle nicht so. Zudem werden heute nicht mehr wie früher die Pferde 2-3 Jahre als Remonten angesehen und erhalten eine – von erfahrenen Reitern – ausgeführte Grundausbildung, sondern haben auch viel mit falscher Bemuskelung  und dadurch Verspannungen zu kämpfen.

Auch uns begegnen in unserer Ausbildung Pferde, die sich gerne mal eng im Hals machen.
Das sind meistens die mit einer leichten Ganasche, einem leichten Genick und wenig Oberhalslinie.

Der schwierigste Fehler zu korrigieren ist ein Pferd, das den Hals eng macht und dann noch rennt. Deswegen reiten die Reiter noch lange nicht in Rollkur, sondern versuchen über geschicktes Reiten den Hals des Pferdes länger zu bekommen, indem sie versuchen Ruhe in den Bewegunsablauf zu bekommen. Das ist nicht immer ganz einfach und dauert sehr lange Zeit. Trotzdem ist es keine vom Reiter erzwungene Haltung (im Gegenteil) und somit keine Rollkur. Diese Pferde gehen  nicht in dieser Haltung, weil sie vom Reiter erzwungen wird, im Gegenteil, der Reiter wäre ja froh, wenn es nicht so wäre und wird dementsprechend immer wieder nachgeben/ überstreichen, um dem Pferd den Weg nach vorne zu zeigen.

Schaut mal hier in diesen Link rein. Es zeigt mich, als ich einen vierjährigen Hengst ( 2 Monate unter dem Sattel) in der Alten Meister Reihe bei Klaus Balkenhol geritten habe. Auch dieser kleine Mann ist superleicht im Genick, macht sich immer wieder eng, wird aber nie von mir in diese Haltung gezwungen.Zu diesem Zeitpunkt ist er zwei Wochen bei mir gewesen. Inzwischen geht er erfolgreich im Ponyspringsport. Es soll nur zeigen, wie schwierig es ist, ein Pferd in optimaler Haltung zu reiten, da es ja immer noch ein Lebewesen ist und einen eigenen Kopf und Bewegunsdrang hat.

Ich möchte mir gar nicht vorstellen, dass jemand von diesem Ritt Fotos gemacht hätte und die Momentaufnahmen veröffentlicht hätte. Sieht man aber das Video, indem der Ausbilder, sowie ich immer wieder versuchen, ihn genau aus dieser Haltung rauszureiten, relativiert sich das Ganze wieder.

4-jähriger Hengst bei Klaus Balkenhol

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Dancer Hit spielt im Wasser. Keiner zwingt ihn in diese Haltung Trotzdem würde über so ein Foto sofort geschimpft werden. Der Zügel ist lediglich angenommen, weil er so viel Spaß an seiner Planscherei hatte, dass die Gefahr bestand, dass er sich hineinlegt.

Zum Gymnastizieren eines Pferdes gehört es, den Hals tief einzustellen. Macht mal den Selbstversuch bei euch: Nehmt mal den Kopf runter und macht das Genick rund. Dabei werdet ihr merken, wie sich auch den Rücken aufwölbt und das euch guttut.

Nun legt ihr mal den Kopf ins Genick und fühlt, wie der Rücken zum Senkrücken wird. In welcher Haltung würdet ihr nun lieber ein Gewicht im Rücken tragen. Ich nehme mal an in der ersten. Ein Senkrücken ist nämlich gar nicht in der Lage Gewicht zu tragen, ein aufgewölbter hingegen schon.

Deshalb ist es vor allem in der Lösungsphase, aber auch immer wieder zwischendurch, wichtig, dass das Pferd den Hals aus dem Widerist heraus nach unten fallen lässt.  Dann wölbt sich der Rücken nach oben, der lange Rückenmuskel kann arbeiten und somit das Reitergewicht tragen. Es mag sein, dass ein Pferd dabei mal den Kopf leicht hinter der Senkrechten hat, was dann aber noch lange nichts mit Rollkur zu  tun hat. Schließlich wird diese Haltung nicht vom Reiter erzwungen, sondern über Gymnastizierung erarbeitet

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Der Ansatz zum Zügel-aus-der Hand-kauen-lassen. Pferd dehnt sich in die Tiefe und wird in den nächsten Tritten noch länger im Hals werden

Manchmal hat man so beim Lesen das Gefühl, die Reiter denken, dass es einem Pferd mit hocherhobenen Kopf besser geht. Das sehe ich nicht so. Je länger ein Pferd mit erhobenem Kopf und Reitergewicht laufen muss, desto länger ist der Rücken durchgedrückt und das ist auf Dauer ebenso schädlich wie das umgekehrte Extrem. Wir sollten uns vielleicht drauf einigen, dass alle Extreme, die nicht der natürlichen Norm entsprechen nicht zuträglich für die Gesundheit sind. .

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In diesem Sinne, hoffe ich, dass euch mein Blog etwas dabei geholfen hat, die Rollkur-Diskussion etwas entspannter zu sehen und nicht gleich jeden Reiter zu verurteilen, dessen Pferd vielleicht mal etwas hinter der Senkrechten geht.

Ich für meinen Teil stehe mit meinen Pferden in einem großen Reitverein mit rund 80 Pferden, Reitern jeder Leistungsklasse in Dressur und Springen und habe bei uns schon einige Pferde gesehen, die nicht in optimaler Haltung laufen ( da gehören auch unsere eigenen dazu-> nobody is perferkt) aber noch kein einziges, welches in Rollkur geritten wurde.

Nochmal als Schlusssatz die Bitte an euch:

Leben und Leben lassen.

Das gilt für unserer Partner Pferd, denen wir nicht absichtlich Schmerzen und Leid zufügen würden, aber ebenso für unsere Mitreiter, die mit Sicherheit nichts Schlechtes für ihre Pferde wollen und wenn es so wäre, dass dann bestimmt nicht in sozialen Netzwerken posten würden.